Zwischen Lektüre und Selbsttest wird deutlich: Nicht alles belastet das Klima gleich stark. Ein unscheinbares Buch zeigt, wo im Alltag die entscheidenden Unterschiede liegen.
Text und Bilder: Jeannine Hirt
Auf meinem Sitzplatz bin ich in ein Buch vertieft, das mich mehr beschäftigt als erwartet: «Weniger ist weniger» des Wissenschaftsjournalisten Mathias Plüss. Es geht der Frage nach, wo unser Alltag das Klima besonders belastet – und wo wir am meisten bewirken können. Ich lese, halte inne, blättere zurück. Denn leicht ist diese Lektüre nicht.
Je mehr Kreise, desto grösser der Impact
Mathias Plüss schreibt nicht in grossen Parolen, sondern sortiert den Alltag in ein handliches Lexikon: von A wie Autofahren über K wie Kleider bis Z wie Ziele setzen. Es liest sich überraschend fesselnd, weil jeder Eintrag sofort ins eigene Leben zielt: Wie klimafreundlich lebe ich eigentlich? Besonders hilfreich sind die Impact-Punkte bei jedem Eintrag. Sie zeigen, wo ich als Einzelperson viel bewirken kann und wo eher weniger. Spätestens hier beginne ich, mein eigenes Verhalten anders zu gewichten.
Realitätscheck: Der Rechner entlarvt mich
Ein paar Tage später probiere ich aus, was das Buch anregt: Ich prüfe meinen ökologischen Fussabdruck mit dem WWF-Klimarechner. Der Fragebogen führt durch Ernährung, Mobilität, Wohnen und Konsum allgemein. Nach rund einer Viertelstunde liegt das Resultat vor. Und es überrascht mich nicht ganz, auch wenn ich es lieber nicht so klar vor mir sehen würde: Mein grösster Hebel ist das Fliegen. Nicht die kleinen Alltagsgewohnheiten, sondern die Langstrecke. Der Moment, in dem man sich selbst ehrlich bilanziert, ist auch der Moment, in dem klar wird, wo der eigene Fussabdruck wirklich entsteht.

Lexikon statt Moral: Warum das überzeugt
«Weniger ist weniger» funktioniert gerade deshalb so gut, weil es auf Moral verzichtet. Stattdessen ordnet es ein. Was bringt viel? Was wenig? Wo entstehen Emissionen überhaupt? Diese Klarheit wirkt überraschend befreiend. Denn viele kennen das Gefühl, ständig irgendwo noch nachhaltiger werden zu können – ohne genau zu wissen, wo es wirklich zählt. Plüss erweitert den Blick zudem über das Klima hinaus und zeigt Zusammenhänge mit Ressourcenverbrauch und Biodiversität.
Recycling: Weltspitze und trotzdem ein Problem
Ein Kapitel bleibt besonders hängen: Recycling. Die Schweiz gehört hier zur Weltspitze – und dennoch relativiert Plüss diesen Erfolg. Denn ein grosser Teil der Umweltbelastung entstehe nicht bei uns, sondern in den Produktionsländern, wo unsere Produkte hergestellt werden. Die Konsequenz ist unbequem, aber logisch: Entscheidend ist nicht nur, wie wir entsorgen, sondern was wir überhaupt kaufen. Konsumverzicht und Müllvermeidung beginnen vor dem Recycling.

Strom: sauber ist nicht automatisch sauber genug
Auch beim Strom lohnt sich gemäss Plüss ein genauer Blick. Dass unser Strom komplett CO₂‑frei sei, sei ein Märchen: Für den in der Schweiz hergestellten Strom stimme das zwar. Gleichzeitig importieren wir im Winter Strom, der je nach Herkunft auch fossile Anteile enthalten kann.
Spannend wird es auch bei Ökostromprodukten: Auch wenn man darauf umsteige, kaufe der Anbieter nicht etwa mehr erneuerbaren Strom ein, sondern verteile die vorhandene Menge lediglich neu – sodass andere Bezügerinnen und Bezüger entsprechend weniger davon erhielten. Entscheidend sei deshalb, ob ein Produkt den Ausbau erneuerbarer Energien wirklich unterstützt. Labels wie «naturemade» können hier eine Orientierung bieten.
Fazit: Fokus statt Perfektion
Das Buch verändert nicht alles, aber es verschiebt meine Perspektive. Weg vom Anspruch, überall perfekt zu sein, hin zur Frage: Wo kann ich wirklich etwas bewirken? Für mich heisst das vor allem: weniger fliegen, bewusster konsumieren und genauer hinschauen. Nicht alles ändern, sondern das Richtige – für mich und die Umwelt.
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