Warum verändern sich Strompreise? Welche Rolle spielen Markt, Netz, Abgaben und Regulierung? Und weshalb reichen einfache Erklärungen oft nicht aus? Strompreise wirken komplex, lassen sich aber gut einordnen, wenn man die wichtigsten Zusammenhänge kennt. Diese fünf Punkte bieten eine verständliche Orientierung.

1. Wird Strom jetzt einfach immer teurer?

Viele Menschen haben den Eindruck: Strom wird jedes Jahr teurer. Ganz aus der Luft gegriffen ist das nicht. Die Preise sind in den letzten Jahren stark gestiegen und liegen nach wie vor über dem Niveau vor der Energiekrise. Trotzdem stimmt die Aussage «Strom wird immer teurer» nicht ganz. Strompreise entwickeln sich nicht wie eine Treppe, bei der jede Stufe automatisch höher liegt als die vorherige. Sie schwanken. Teilweise sogar erheblich. Das hat man nach den extremen Ausschlägen im Jahr 2022 gesehen. Damals stiegen die Preise an den Grosshandelsmärkten sehr stark. Danach wurden viele dieser Spitzen wieder deutlich korrigiert. Auch in Zukunft sind Bewegungen nach oben und nach unten möglich. Die wichtige Einordnung lautet deshalb: Das heutige Preisniveau ist höher als früher. Aber Strompreise steigen nicht kontinuierlich an. Sie bewegen sich eher in Wellen, mit ruhigen Phasen, Ausschlägen und Korrekturen.

2. Verdienen Energieunternehmen automatisch an hohen Preisen?

Wenn Strompreise steigen, liegt ein Gedanke nahe: Energieunternehmen müssen daran besonders viel verdienen. Ganz so einfach ist es nicht. Zwar nehmen Unternehmen zunächst mehr Geld ein, wenn Strom zu höheren Preisen verkauft wird. Aber höhere Einnahmen sind nicht automatisch höhere Gewinne. Entscheidend ist, zu welchen Kosten der Strom beschafft oder produziert wurde. Viele Energieversorger kaufen Strom lange im Voraus ein. Steigen die Preise am Markt, steigen häufig auch die Beschaffungskosten. Zudem gelten in der Grundversorgung klare Regeln. Kosten können nicht einfach beliebig weitergegeben werden. Zur ehrlichen Einordnung gehört aber auch: Unternehmen mit viel eigener Produktion, zum Beispiel aus Wasserkraft, oder mit Handelsaktivitäten konnten in Phasen hoher Marktpreise teilweise sehr gut verdienen. Die präzise Antwort lautet deshalb: Hohe Strompreise können zu höheren Einnahmen führen. Ob daraus auch höhere Gewinne entstehen, hängt stark vom Geschäftsmodell, den Einkaufskosten, der eigenen Produktion und den regulatorischen Vorgaben ab.

3. Wer bestimmt eigentlich den Strompreis?

Der Strompreis wirkt manchmal, als würde ihn eine einzelne Stelle festlegen. Der Staat, der Energieversorger oder der Markt. Tatsächlich entsteht der Strompreis aber aus mehreren Bestandteilen. In der Schweiz setzt sich der Strompreis im Wesentlichen aus drei Elementen zusammen: Energie, Netznutzung sowie Abgaben und Gebühren. Der Energieteil hängt davon ab, was Strom in der Beschaffung kostet oder zu welchen Kosten er produziert wird. Die Netznutzung deckt die Kosten für Bau, Betrieb und Unterhalt des Stromnetzes. Dazu kommen Abgaben und gesetzliche Zuschläge. Ein Teil des Strompreises entsteht also am Markt, ein anderer Teil ist reguliert. Behörden prüfen die Tarife und kontrollieren, ob die Regeln eingehalten werden. Sie setzen aber nicht einfach nach Belieben einen Strompreis fest. Die Einordnung ist deshalb: Der Staat gibt den Rahmen vor und überwacht die Regeln. Der Strompreis selbst entsteht aus dem Zusammenspiel von Markt, Kosten, Netz und Regulierung.

4. Machen erneuerbare Energien Strom teurer?

Auch diese Frage wird oft sehr verkürzt diskutiert. Die eine Seite sagt: Erneuerbare Energien machen Strom teuer. Die andere sagt: Sonne und Wind liefern fast kostenlosen Strom. Beides greift zu kurz. Richtig ist: Solar- und Windenergie haben nach dem Bau vergleichsweise tiefe Betriebskosten. Wenn viel Strom aus Sonne oder Wind verfügbar ist, kann das die Preise am Markt sogar senken. Richtig ist aber auch: Ein Stromsystem mit mehr erneuerbarer Produktion braucht zusätzliche Lösungen. Es braucht Netze, die mehr dezentrale Einspeisung aufnehmen können. Es braucht Flexibilität, Speicher, intelligente Steuerung und bessere Abstimmung zwischen Produktion und Verbrauch. Das verursacht Kosten. Deshalb ist die faire Einordnung: Erneuerbare Energien sind weder automatisch Preistreiber noch automatisch Preissenker. Sie verändern das Stromsystem. Und damit verändern sie auch die Kostenstruktur. Entscheidend ist nicht nur, wie günstig eine Kilowattstunde produziert werden kann. Entscheidend ist auch, wie zuverlässig der Strom zur richtigen Zeit am richtigen Ort verfügbar ist.

5. Warum fühlt sich der Strompreis heute unsicherer an?

Viele Kundinnen und Kunden empfinden die aktuelle Situation als deutlich weniger berechenbar als früher. Dieser Eindruck ist verständlich. Zwar gab es auch früher Preisschwankungen. Strompreise waren nie vollständig stabil. Aber die Ausschläge der letzten Jahre waren aussergewöhnlich stark. Vor allem 2022 wurden in Europa historische Höchststände erreicht. Die Energiekrise, geopolitische Unsicherheiten und starke Marktbewegungen haben gezeigt, wie empfindlich das System reagieren kann. Für Endkundinnen und Endkunden war Strom über lange Zeit deutlich berechenbarer. Man bekam die Rechnung, sah den Tarif und musste sich mit Grosshandelsmärkten, Beschaffung, Regulierung oder Netzbelastung kaum beschäftigen. Heute ist das anders. Strompreise sind stärker Teil einer öffentlichen Debatte geworden. Begriffe wie Energiekrise, Netzkosten, Versorgungssicherheit, erneuerbare Energien oder Abgaben tauchen viel häufiger auf. Das macht das Thema präsenter, aber nicht unbedingt einfacher. Die Einordnung lautet deshalb: Stabilität war nie garantiert. Aber die Dynamik und die Unsicherheit haben spürbar zugenommen.