«Das Risiko einer Strommangellage ist da, aber ich schlafe nach wie vor bestens»

Dr. Lukas Küng ist Geschäftsleiter der Primeo Netz AG und zugleich Chef der Organisation für Stromversorgung in Ausserordentlichen Lagen, kurz: OSTRAL. Wir haben mit ihm über die Versorgungssicherheit in der Schweiz gesprochen, über das Risiko einer Strommangellage und darüber, wie jede und jeder Einzelne sich vorbereiten kann.

Herr Dr. Küng, das Thema Versorgungssicherheit ist in aller Munde. Sind die Sorgen berechtigt oder handelt es sich um ein "Angstgespenst", wie manche sagen?

Niemand muss in Panik verfallen. Wir sind sehr gut vorbereitet und ich schlafe nach wie vor bestens. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass es zu einer Strommangellage kommt, dass also über einen längeren Zeitraum weniger Strom zur Verfügung steht als benötigt wird, diese Wahrscheinlichkeit hat sich in letzter Zeit etwas erhöht. 

Woran lässt sich das ablesen?

Anzeichen dafür sind zum Beispiel steigende Energiepreise, das sehen wir ja schon seit vergangenem Jahr. Aber auch der Ukraine-Krieg spielt im Moment eine Rolle und natürlich der Klimawandel, durch den zum Beispiel Flüsse weniger Wasser führen oder es zu heiss wird für Kraftwerke. Hinzu kommen Faktoren wie die Dekarbonisierung, die Abschaltung von Kernkraftwerken, die dann durch nachhaltige Alternativen ersetzt werden müssen. Wichtig ist: Die Wahrscheinlichkeit einer Strommangellage an sich ist klein. Aber die Frage ist, ob sie sehr klein ist oder klein. Und deshalb ist es auf jeden Fall gut, wenn man sich vorbereitet.

Wie kann man sich vorbereiten?

Die Massnahmen sind da für Privatpersonen wie für Unternehmen ganz ähnlich. Es ist ratsam zu schauen, wo man im Haus oder im Betrieb viel Strom verbraucht und auf welche Dinge man im Notfall verzichten kann. Ausserdem ist es natürlich auch eine gute Idee, etwa in eine Photovoltaik-Anlage oder auch in eine bessere Gebäudedämmung investiert. Auch das hilft, Strom zu sparen beziehungsweise im Falle einer Strommangellage unabhängiger zu sein. Das Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung hat übrigens einen Strom-Ratgeber mit Tipps verfasst, der im Internet zugänglich ist.

Dr. Lukas Küng ist Geschäftsleiter der Primeo Netz AG und zugleich Chef der Ostral. Die Schweiz sei auf eine mögliche Strommangellage gut vorbereitet, sagt er. 

Wie gut ist die Schweiz generell auf eine mögliche Strommangellage vorbereitet?

Die Schweiz ist gut vorbereitet. Wir haben bei der OSTRAL Massnahmen erstellt, mit denen wir sehr gut auf eine Strommangellage reagieren können.

Wie sehen diese Massnahmen aus?

Wir haben ein vierstufiges Vorgehen. Kommt es zu einer Strommangellage, gibt es zunächst Sparappelle des Bundesrats. Er ruft Bürgerinnen und Bürger sowie Unternehmen auf, nicht notwendigen Stromverbrauch einzustellen. Dann gibt es Verbrauchseinschränkungen. Hier wird zum Beispiel der Betrieb von Saunas oder Skiliften verboten. Danach folgt die Kontingentierung. Diese betrifft ausschliesslich Unternehmen. Hier sagen wir den Betrieben, sie dürfen nur noch eine bestimmte, kontingentierte Menge an Strom verbrauchen, und die Unternehmen müssen dies dann eigenständig umsetzen. Als vierte Massnahme gibt es schliesslich die Netzabschaltung, und das betrifft alle. Hier schalten die Netzbetreiber nach fest definierten Plänen zyklisch gewisse Quartiere für einen gewissen Zeitraum ab. Die einen haben Strom, die anderen nicht.

Was sind das für Pläne?

Die Netzbetreiber, die für die Abschaltung zuständig sind, haben auf ihren Leitstellen die Pläne liegen. Da ist jeder Schalter definiert, und es steht dabei, wie viel Energie man einspart, wenn man ihn betätigt. Die Pläne sind auch mit den Krisenstäben von Gemeinden und Kantonen abgestimmt. Bei der Abschaltung sorgt man dafür, dass alle in etwa gleich betroffen sind, dass der Strom wirklich weg ist und man es schalttechnisch abhandeln kann.

Wie schauen Sie bei OSTRAL in die nahe Zukunft, auch angesichts des Kriegs in der Ukraine? Sehen Sie da vielleicht schon mehr als die Öffentlichkeit?

Wir haben kein Geheimdienstinformationen. Es gibt da Menschen, die das besser beurteilen können, aber die sitzen im Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung. Ich selbst bin nicht Teil davon. Aber die Fachleute dort, dazu gehören auch das Bundesamt für Bevölkerungsschutz oder die Swissgrid, die nehmen die Lagebeurteilung vor und beraten sich. Und uns bei der OSTRAL wird dann aufgrund der Beschlüsse mitgeteilt, was wir tun müssen. Wir sind eine Umsetzungsorganisation.

Was ist OSTRAL?

OSTRAL ist die Organisation für Stromversorgung in Ausserordentlichen Lagen. Sie gehört zum Verband der Schweizerischen Elektrizitätsindustrie VSE und untersteht der Aufsicht des Bundesamts für wirtschaftliche Landesversorgung. Kommt es zu einer langandauernden Strommangellage, erhält OSTRAL vom Bund den Auftrag, die definierten Massnahmen umzusetzen, von der anfänglichen Lagebeobachtung über Sparappelle bis hin zur Netzabschaltung. OSTRAL ging aus der Krisenorganisation der Elektrizitätswerke hervor und besteht seit 2011 in der heutigen Form.

Die wichtigsten Begriffe

STROMMANGELLAGE
Bei einer Strommangellage ist Strom über einen längeren Zeitraum zwar verfügbar, aber in deutlich geringeren Mengen. Die Nachfrage ist also grösser als das Angebot.

BLACKOUT
Ein Blackout ist ein Stromausfall. Anders als bei einer Strommangellage steht bei einem Blackout kein Strom zur Verfügung.

STROMLÜCKE
Stromlücke bezeichnet eine zu geringe Stromerzeugung durch den Wegfall von Kraftwerken, speziell im Winter. Dies ist kein technischer Fachbegriff.

VERSORGUNGSSICHERHEIT
Versorgungssicherheit bedeutet, dass die Elektrizitätsverbraucher die gewünschte Menge an Elektrizität jederzeit in ausreichender Menge, Qualität und ohne Unterbruch zu angemessenen Preisen beziehen können