Primeo Energie bietet für PV-Betreibende den netzdienlichen Wahltarif SolarAktiv an. In der Praxis bewährt sich der Tarif – allerdings dauert es eine Weile, bis das Haus dem Tarif wirklich folgt. 

Text und Bilder: Andreas Schwander

Die neue PV-Anlage auf dem Carport und dem Balkon ist installiert, bifaziale PV-Panels nutzen sowohl das direkt einfallende Licht, sowie auch auf der unteren Seite das diffuse reflektierte Licht unter dem Dach. Der Wechselrichter surrt, die Batterie schickt lustige Blinksignale durch den Keller. Der Strom fliesst und die Herstellerapp FusionSolar zeigt auf dem Smartphone, was gerade passiert im Haus. Aus den Ausschlägen lässt sich ablesen, ob die Wärmepumpe anspringt, das Elektroauto gerade lädt oder ob der Sohn in der Sauna mit seinen Kumpels über neuen Schnitzelbankversen für die Fasnacht brütet. 

Un selfie en gros plan d'un homme chauve à lunettes avec une barbe naissante en extérieur, devant une réserve de bois de chauffage et une voiture.
Un homme chauve à lunettes sourit dehors devant une pile de bois.

Energie-Port: Die Dächer von Carport und Velo-Unterstand von Autor Andreas Schwander erzeugen Strom und schützen Auto, Velos und Brennholz vor der Witterung. 

Strom brauchen, wenn Strom da ist

Die Idee des Wahltarifs «Primeo Aktiv» und des Einspeisetarifs «Primeo SolarAktiv» von Primeo Energie ist es nun, dass man als Stromkonsument den eigenen Verbrauch neu ordnet. Wer eine eigene Solaranlage hat, soll ab 12 Uhr möglichst den Strom vom eigenen Dach verbrauchen. Mit den neuen Tarifen wird das Netz in den Spitzenzeiten am Mittag und am frühen Nachmittag entlastet – wenn das Essen gekocht ist und Batterien geladen sind und bis am Abend viel weniger Strom im Netz nötig ist.

Die Einspeisung ergibt dann mit dem neuen Tarif fast keinen Ertrag, dafür ist der Ertrag am Morgen, am Abend und im Winter höher. Der Bezugstarif «Primeo Aktiv» funktioniert genau nach demselben Prinzip, ist aber nicht auf die Einspeisung ins Netz ausgerichtet, sondern auf Strombezüge aus dem Netz. Diesen netzdienlichen Tarif können auch Stromkundinnen und -kunden nutzen, die keine PV-Anlage haben, aber trotzdem Strom über Mittag verbrauchen können.

Das Haus wird elektrisch neu ausgerichtet

Hat man die Wahltarife mal eingerichtet, geht es darum, Geräte, Verbraucher und Speicher entsprechend zu programmieren. Die Batterie lädt sich im Lauf des Tages langsam, wenn niemand zuhause ist. Die App zeigt, wie sie am Nachmittag oft bei 100 Prozent ankommt und dann nichts mehr reingeht – der produzierte Strom ist nutzlos. Es bräuchte eine grössere Batterie oder ein anderes Gerät. Das ist beispielsweise unsere Wärmepumpe, die auch das Brauchwasser erwärmt und in einem grossen Warmwasserspeicher lagert. Sie läuft bisher nach dem alten Muster in der Nacht – also muss sie der Servicetechniker auf die neuen Zeiten einstellen. Er erklärt dann auch vor Ort: «Der Boiler ist übrigens auch eine Batterie, das wird viel zu oft vergessen.» Folglich kann ich überflüssigen Sonnenstrom nicht nur in der Batterie, sondern auch im warmen Wasser speichern. Früher oder später wird ohnehin jemand duschen. 

Wärmepumpen können auch kühlen und so liesse sich in einem heissen Sommer der Strom auch als Kühlenergie in der Masse des Hauses speichern – genauso wie auch ein gut isoliertes Haus mit seinen Backsteinwänden und Betonböden eine sehr gute Wärmebatterie ist. Älteren Geräten fehlt dazu allerdings die nötige Software, weshalb diese Funktion bei unserer 15 Jahre alten Wärmepumpe warten muss.

Vue en contre-plongée d'une structure surélevée moderne dotée de panneaux solaires foncés et d'un cadre métallique, entourée d'un feuillage verdoyant sous un ciel bleu.
Structure moderne surélevée avec panneaux solaires et surfaces réfléchissantes parmi les arbres.

Auch am Balkon erzeugen vertikale Solarpanels mit Süd- und Südostausrichtung Strom. Sie sind vor allem im Winter sehr wirksam. Eine weitere PV-Anlage auf dem Flachdach liefert seit 14 Jahren Strom.

Alte Gewohnheiten abstreifen

Sind die grossen Verbraucher wie Heizung und Kühlung einmal eingestellt, sind die kleineren dran. Der grösste Stromsünder in jedem Haushalt ist der Backofen. Wer es schafft, Schlag Mittag die Lasagne in den Ofen zu schieben und erst um 12.45 Uhr isst, isst aus Energiesicht viel günstiger. Das lässt sich an den meisten Backöfen auch programmieren. 

Aber auch Geschirrspüler, Waschmaschinen und Tumbler lassen sich zeitlich steuern, mittlerweile oft schon bequem über eine App. Das hilft, damit diese Hausgeräte nun primär zwischen 12 und 15 Uhr laufen. Allerdings interessieren sich nicht immer alle Bewohnenden für solche Feinheiten. Wenn Teenager Chicken Nuggets wollen, ist ihnen der Stromtarif egal. Die persönliche Adaption auf die neuen Tarife wird denn wohl auch der schwierigste Teil der Umstellung sein. Das gilt nicht nur für die Jugend, sondern auch für die älteren, denen jahrzehntelang eingebläut wurde, dass Waschen, Bügeln und Guetzlibacken ausserhalb der Zeiten des Nachttarifs eine elektrische Todsünde seien. Und jetzt soll es genau umgekehrt sein? Alte Gewohnheiten ablegen ist deshalb genauso wichtig wie das genaue Einstellen der Verbraucher, wenn man sich für die Wahltarife entscheidet – als «Prosumer» mit PV-Anlage für beide Tarife und als reine Konsumentin für den Bezugstarif «Aktiv».

Auch ohne Solaranlage kann man dem Netz helfen

Denn für den Tarif «Aktiv» braucht man keine eigene Solaranlage. Und selbständig agierende Geräte gibt’s noch mehr als nur die Heizung, den Boiler oder die Batterie. Auch Luftbefeuchter und Luftentfeuchter lassen sich mit einer Zeitschaltuhr aus der Ikea für wenige Franken an den Tarif anpassen. Bügeln über Mittag? Kein Problem. Und der Tiefkühler? Auch der lässt sich mit einer Schaltuhr steuern. Bis ein geschlossener Tiefkühler aufgetaut ist, dauert es mehrere Tage. Die Schaltung kann ihn problemlos um 6.30 Uhr morgens ausschalten und kurz nach dem Mittag wieder einschalten. Die wenigen Grad Unterschied sind der gefrorenen Pizza oder dem eingefrorenen Braten egal.

Doch dem Netz ist es nicht egal. Ob es sich finanziell lohnt, wird erst weiteres Experimentieren zeigen. Was aber schon jetzt klar ist: Wenn alle mitmachen, sparen netzdienliche Tarife sehr viele Grabereien in den Strassen für einen Netzausbau, der vielleicht gar nicht nötig ist. Damit ist der persönliche Gewinn der neuen Tarife nicht zwingend Geld, sondern weniger Baustellen im öffentlichen Raum. 

Die Wahltarif SolarAktiv und Aktiv im Überblick

SolarAktiv

  • Einspeisetarif ausschiesslich für Besitzer:innen von PV-Anlagen
  • Von 12:00 bis 15:00 Uhr gibt’s für den Solarstrom weniger Geld
  • Eigenverbrauch soll in der Zeit gesteigert werden
  • Mehr Ertrag morgens und ab dem späteren Nachmittag

Hier gibt’s noch mehr Vorteile

Aktiv

  • Bezugstarif für alle Konsument:innen, die mittags mehr verbrauchen können
  • Strom ist von 12:00 bis 15:00 Uhr deutlich günstiger
  • Auch für Mieter:innen
  • Auch für Wohneigentümerinnen ohne eigene PV-Anlage
  • Insgesamt tiefere Stromkosten

Hier gibt’s noch mehr Vorteile

Eigentümer:innen von PV-Anlagen können beide Tarife nutzen.