Windenergie sorgt für Diskussionen, besonders in Gemeinden, in denen konkrete Projekte geprüft werden. Wie sinnvoll ist Windkraft in der Nordwestschweiz? Welche Auswirkungen hat sie auf Mensch, Natur und Landschaft? Und welchen Beitrag kann sie tatsächlich zur Stromversorgung leisten?
Markus Kohler | Viktor Sammain
Warum Windenergie?
Die Schweiz hat mit der Energiestrategie 2050 und dem 2024 vom Volk angenommenen Stromgesetz beschlossen, ihre Energieversorgung schrittweise umzubauen. Fossile Energieträger sollen reduziert, erneuerbare Energien ausgebaut und die Abhängigkeit von Importen möglichst tief gehalten werden. Gleichzeitig zeigt sich ein strukturelles Problem: Im Winter liefern Photovoltaik und die Laufwasserkraft weniger Strom, während der Bedarf hoch bleibt. Diese sogenannte Winterstromlücke muss heute teilweise durch Importe gedeckt werden.
Hier kommt Windenergie ins Spiel. In der Schweiz weht der Wind im Durchschnitt stärker im Winterhalbjahr als im Sommer. Rund zwei Drittel der Jahresproduktion von Windenergieanlagen fallen in die Wintermonate. Damit ergänzt Wind die Photovoltaik, die ihren Schwerpunkt im Sommer hat, und kann einen Beitrag zur Versorgungssicherheit leisten.
Heute sind in der Schweiz rund 45 bis 50 grössere Windenergieanlagen in Betrieb. Ihr Anteil an der gesamten Stromproduktion liegt deutlich unter einem Prozent. Gemäss den Energieperspektiven des Bundes soll Windenergie bis 2050 rund 4 Terawattstunden pro Jahr liefern, das entspricht etwa 6 bis 7 Prozent des heutigen Stromverbrauchs. Um dieses Ziel zu erreichen, gehen Studien je nach Anlagengrösse und Standort von rund 700 bis 800 Anlagen schweizweit aus.
Zum Vergleich: In Deutschland stehen rund 30 000 Windenergieanlagen. Rechnet man diese Zahl flächen- oder bevölkerungsbezogen auf die Schweiz um, entspräche das um die 3500 Anlagen. Die offiziellen Schweizer Ausbauziele liegen also deutlich darunter. Windenergie soll hierzulande einen ergänzenden Teil des Energiemixes ausmachen, nicht die dominierende Energiequelle werden.
Gibt es in der Nordwestschweiz genug Wind?
Anders als etwa in Norddeutschland, Dänemark oder die Atlantikküste Frankreichs gehört die Schweiz nicht zu den windreichsten Ländern Europas. Das ist unbestritten. Entscheidend für Windenergienutzung ist neben einigen anderen Faktoren aber nicht, ob es «viel Wind» gibt, sondern ob an einzelnen Standorten ausreichend konstante Windgeschwindigkeiten in der Höhe moderner Anlagen vorhanden sind.
Anhand der Windverhältnisse wird eine Ertragsberechnung gemacht, die aufzeigt, wieviel Energie produziert werden kann. Je nach Windverhältnisse, Anlageleistung und Rotordurchmesser produziert eine moderne Anlage elektrische Energie für einige Hundert bis mehrere Tausend Haushalte.
Um festzustellen, ob ein Windenergiepark an einem Standort sinnvoll ist, sind weitere Aspekte zu prüfen wie zum Beispiel die Abwägung mit Natur- und Landschaftsschutz, die Zubringerstrassen oder der Netzanschluss. Die gesamthafte Beurteilung dieser Punkte sowie die Wirtschaftlichkeit ist wichtig, um eine Entscheidung zu treffen.
Der Kanton Basel-Landschaft hat im Richtplan 6 Windpotenzialgebiete ausgewiesen mit einer möglichen Jahresproduktion von rund 500 Gigawattstunden – rechnerisch genug Strom für über 100’000 Haushalte. Diese Gebiete basieren auf Auswertungen von nationalen Windkarten, topografischen Abklärungen, Berücksichtigung von Naturschutzgebieten und raumplanerischen Kriterien, welche der Kanton vor der Festsetzung geprüft hat. Sie zeigen, dass es an bestimmten Standorten im Kanton grundsätzlich genügend Wind für eine vertiefte Projektprüfung gibt.
Ob ein konkretes Projekt umgesetzt wird, entscheidet sich erst nach einer vertieften Analyse der Windvorkommen, Umweltprüfungen und Wirtschaftlichkeitsberechnungen. Ohne ausreichendes Windangebot und tragfähige Ertragsprognosen wird kein Projekt realisiert.
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Vor dem Bau von Windrädern sind Umweltverträglichkeitsprüfungen vorgeschrieben.
Auswirkungen auf Vögel und Fledermäuse
Windenergie ist nicht folgenlos für Tiere. Das muss klar gesagt werden. Es besteht ein Kollisionsrisiko, insbesondere für bestimmte Vogelarten und für Fledermäuse. Deshalb sind Umweltverträglichkeitsprüfungen gesetzlich vorgeschrieben. Dabei werden Brutplätze, Zugrouten und Lebensräume untersucht und Massnahmen abgeleitet.
Standorte mit hohem Konfliktpotenzial werden in der Regel ausgeschlossen oder angepasst. Bei Fledermäusen kommen Abschaltalgorithmen zum Einsatz: Bei bestimmten Wetterlagen und Aktivitätszeiten werden Anlagen automatisch gestoppt. Studien zeigen, dass solche Massnahmen die Mortalität massiv reduzieren können.
Im Vergleich zu anderen menschengemachten Risiken für Vögel, etwa Glasfassaden, Verkehr oder Hauskatzen, ist der Anteil der Windenergie gering. Das relativiert das Problem, macht es aber nicht bedeutungslos. Es bleibt ein Abwägungsthema, das standortspezifisch betrachtet werden muss.
Insekten, Wald und Wildtiere
Auch Insekten können durch Rotoren betroffen sein. Nach heutigem Forschungsstand gilt der Einfluss von Windenergie jedoch als deutlich geringer als jener von intensiver Landwirtschaft oder Flächenversiegelung. Die Datenlage wird weiter untersucht.
Für Bau und Zufahrt sind teilweise Rodungen nötig. In der Schweiz sind Rodungen streng bewilligungspflichtig, Ersatzaufforstung ist gesetzlich vorgeschrieben. Die dauerhaft versiegelte Fläche einer Anlage ist im Verhältnis zur Gesamtwaldfläche klein, aber jeder Eingriff ist sichtbar und wird einzeln geprüft.
Wildtiere reagieren während der Bauphase sensibler als im späteren Betrieb. Langfristig zeigen viele Arten Gewöhnungseffekte. Auch hier werden Jagd- und Naturschutzbehörden in Verfahren einbezogen.
Liefern die Anlagen bei uns zu wenig Leistung?
Kritiker verweisen darauf, dass Windkraftanlagen in unserer Region «nur» rund 20 Prozent ihrer Leistungsfähigkeit erreichen. Gemeint ist der sogenannte Kapazitätsfaktor. Er beschreibt das Verhältnis zwischen der tatsächlich produzierten Strommenge und der theoretisch maximal möglichen Jahresproduktion. Für Binnenstandorte wie in der Schweiz sind Werte auch unter 20 Prozent nicht unüblich, klar tiefer als in Norddeutschland, aber nicht ungewöhnlich für Mittelgebirgslagen. Der Kapazitätsfaktor einer Photovoltaikanlage, die im Energiemix ebenfalls sehr sinnvoll und wichtig sind, liegen bei 10 bis 12 Prozent.
Wichtig ist die Einordnung: 20 Prozent bedeuten nicht, wie ebenfalls zuweilen behauptet, dass die Anlagen 80 Prozent der Zeit stillstehen. Windturbinen produzieren häufig mit Teilleistung. Sie laufen auch bei schwächerem Wind, nur nicht mit voller Nennleistung. Stillstände treten bei Flaute, Sturm oder Wartung auf, aber nicht in der oft behaupteten Grössenordnung.
Zudem ist der Kapazitätsfaktor nur eine Kennzahl unter mehreren Faktoren. Auch Photovoltaikanlagen erzielen in Südeuropa deutlich höhere Erträge als in der Schweiz, dennoch ist Solarstrom bei uns sinnvoll. Ob ein Standort geeignet ist, entscheidet sich nicht an einer pauschalen Prozentzahl, sondern an mehreren, von denen die konkreten Windverhältnisse ein Punkt ist.
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Ob Windkraftwerke als störend empfunden werden, ist subjektiv.
Lärm und Infraschall?
Windenergieanlagen erzeugen Geräusche, vor allem durch die Rotorblätter im Luftstrom. In der Schweiz gelten strenge gesetzliche Lärmgrenzwerte, die auch nachts einzuhalten sind. Sie werden im Bewilligungsverfahren berechnet und überprüft; bei Überschreitungen müssten Anlagen gedrosselt werden.
Moderne Anlagen sind deutlich leiser als frühere Generationen. In einigen hundert Metern Entfernung liegen die Geräuschpegel im Bereich einer ruhigen Wohnumgebung. Sie sind nicht zwingend unhörbar, bewegen sich aber innerhalb klar definierter gesetzlicher Vorgaben.
Zum Thema Infraschall zeigt die Forschung ein konsistentes Bild: Die erzeugten tieffrequenten Schwingungen liegen im üblichen Abstand deutlich unterhalb der Wahrnehmungsschwelle. Nationale und internationale Gesundheitsbehörden finden keine belastbaren Hinweise auf gesundheitliche Schäden im zulässigen Bereich. Infraschall entsteht auch direkt in Häusern durch Kühlschränke, Heizungen, Lüftungen etc. - dieser Emission ist man deutlich mehr ausgesetzt als derjenigen von Windenergieanlagen.
Landschaftsbild und Schattenwurf
Windanlagen sind sichtbar. Sie verändern das Landschaftsbild. Das ist kein technisches, sondern ein gesellschaftliches Thema. Ob eine Anlage als störend empfunden wird, ist subjektiv. Deshalb sind raumplanerische Verfahren und demokratische Mitsprache zentral. In der Schweiz erfolgt die Festlegung geeigneter Gebiete auf kantonaler Ebene, Projekte durchlaufen öffentliche Verfahren beim Bund, den Kantonen und den Gemeinden. Bei tief stehender Sonne kann es ausserdem zu periodischem Schatten kommen. In der Schweiz gelten klare Richtwerte für die maximal zulässige Dauer. Moderne Anlagen verfügen über automatische Systeme, die den Schattenwurf berechnen und bei Bedarf die Anlage zeitweise abschalten. Technisch ist das heute gut kontrollierbar.
«Klaut» eine Windanlage Wind?
Windanlagen entziehen dem Luftstrom Energie. Dahinter entsteht ein sogenannter Nachlauf, in dem die Windgeschwindigkeit reduziert ist. Dieser Effekt ist physikalisch gut verstanden und lokal begrenzt. Nach einigen hundert Metern bis wenigen Kilometern hat sich der Luftstrom wieder ausgeglichen. Es gibt keine wissenschaftlichen Hinweise darauf, dass Windparks grossräumige klimatische Veränderungen verursachen – vor allem wenn man die Grösse der Windparks in der Schweiz mit wenigen Anlagen betrachtet.
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Windenergie als sinnvoller Bestandteil des gesamten Energiemixes.
Lebensdauer und Recycling
Moderne Anlagen sind auf 30 Jahre Betrieb ausgelegt. Stahl, Beton und Kupfer sind gut recycelbar. Bei Rotorblättern aus Verbundmaterialien ist das Recycling technisch anspruchsvoller, aber möglich. In Europa entstehen zunehmend industrielle Verfahren zur Wiederverwertung dieser Materialien. Die Entsorgungsfrage ist lösbar, aber nicht trivial. Sie wird weiterentwickelt.
Wirtschaftlichkeit, Rolle im Strommix und unsere Haltung
Windenergie ist technisch ausgereift, aber sie ist kapitalintensiv. Ob ein konkretes Projekt wirtschaftlich tragfähig ist, hängt mitunter massgeblich vom tatsächlichen Windangebot am Standort ab – also von messbaren, über längere Zeit erhobenen Daten. Hinzu kommen Investitionskosten, Betriebskosten, Netzanbindung und die zu erwartenden Marktpreise für Strom. Wenn die Ertragsprognosen zu niedrig sind, wird ein Projekt nicht umgesetzt. Wirtschaftlichkeit ist keine Frage von Überzeugung oder politischem Willen, sondern eine rechnerische Grundlage, ohne die kein Projekt Bestand hätte.
Gleichzeitig ist Windenergie weder die alleinige Lösung noch ein Randthema. Sie ist ein ergänzender Bestandteil eines Stromsystems, das in der Schweiz vor allem auf Wasserkraft, zunehmend auf Photovoltaik sowie auf Speichern und Netzausbau angewiesen ist. Gerade im Winter, wenn die Solarproduktion sinkt, kann Wind einen zusätzlichen Beitrag leisten. Er ersetzt nichts vollständig, sondern ergänzt dort, wo es systemisch sinnvoll ist. Zudem braucht es mit der politisch gewollten Abschaltung der Kernkraftwerke zusätzliche Stromproduktion, wovon Windenergie ein Teil ist.
Primeo Energie ist eine Genossenschaft und regional verwurzelt. Wir stehen hinter den energiepolitischen Zielen der Schweiz und sehen Windenergie als einen Baustein im zukünftigen Strommix – nicht mehr, aber auch nicht weniger. Für uns gilt klar: Projekte entstehen nur dort, wo sie fachlich tragfähig und gesellschaftlich akzeptiert sind. Wir wollen mit transparenten Informationen und sachlichen Argumenten überzeugen. Wenn eine Gemeinde ein Projekt nicht mitträgt oder die Fakten nicht überzeugen, wird nichts gegen den Willen der Bevölkerung durchgesetzt.
