Solaranlagen, Batteriespeicher oder Blockheizkraftwerke arbeiten heute nicht mehr isoliert, sondern zunehmend im Verbund. Im Interview erklärt Monika Lenar-Abbadi, wie virtuelle Kraftwerke (VPP) funktionieren, warum sie für ein stabiles Stromnetz unverzichtbar sind und welche Rolle Primeo Energie mit seiner Plattform Equalio dabei spielt.
Monika, was versteht man unter einem virtuellen Kraftwerk?
Ein virtuelles Kraftwerk ist kein Gebäude oder Kraftwerk, das irgendwo in der Landschaft steht. Vielmehr werden hier viele dezentrale Anlagen, zum Beispiel Solaranlagen, Kleinwasserkraftwerke, Batteriespeicher, Biogasanlagen oder auch Blockheizkraftwerke, digital zusammengeschaltet. Diese Anlagen werden dann Mittels Hardware und Software gebündelt. Sie treten dann gemeinsam gegenüber dem Stromnetz als ein oder mehrere grosse Kraftwerke auf.

Monika Lenar-Abbadi leitet das VPP-Team bei Primeo Energie
Was passiert dabei genau?
Die Anlagen geben laufend Rückmeldung, wie bei ihnen der Stand ist: Produzieren sie gerade Strom, brauchen sie welchen oder könnten sie Energie aufnehmen? Eine zentrale Steuerung behält den Überblick und greift ein, wenn es nötig ist. Fehlt Strom im Netz, wird eingespeist. Ist zu viel da, wird die Stromproduktion runtergefahren oder Energie wird gespeichert. Auf der anderen Seite kann der Verbraucher die Last erhöhen. Für die Teilnehmenden läuft das vollkommen automatisch, ohne dass sie selbst etwas unternehmen müssen.
Warum ist das für das Stromnetz so wichtig?
Unser Stromnetz funktioniert nur stabil, wenn die Netzfrequenz konstant bei 50 Hertz liegt. Schon kleine Abweichungen können problematisch werden. Gleichzeitig verändert die Energietransformation das System stark: Mit mehr Solar- und Windstrom wird die Produktion insgesamt schwankender und weniger planbar. Virtuelle Kraftwerke helfen genau hier. Sie reagieren sehr schnell auf Veränderungen und gleichen diese Schwankungen aus. Gerade weil viele kleine Anlagen beteiligt sind, ist das System robust und weniger anfällig als ein einzelnes grosses Kraftwerk.
Primeo Energie betreibt selbst ein virtuelles Kraftwerk. Wie sieht das aus?
Wir haben inzwischen über 300 Anlagen zusammengeschlossen, man spricht dabei von «Pooling». Diese Anlagen werden über unsere digitale Plattform Equalio gesteuert. Sie sorgt dafür, dass die Flexibilität der Anlagen gezielt genutzt und vermarktet wird.
Was bedeutet «Flexibilität»?
Grundsätzlich beschreibt Flexibilität einfach die Fähigkeit von Anlagen, kurzfristig mehr oder weniger Strom zu liefern oder zu verbrauchen. Ein einfaches Beispiel ist ein Batteriespeicher: Sinkt die Netzfrequenz, speist er automatisch Strom ein. Ist zu viel Strom im System, nimmt er ihn auf und speichert ihn. Das passiert innerhalb von Sekunden und stabilisiert das Netz. Für diese Systemdienstleistung erhalten wir eine Vergütung von der nationalen Netzbetreiberin Swissgrid, die wir dann mit den Eigentümerinnen und Eigentümern der Anlagen teilen.
«Wenn eine Anlage hilft, die Netzfrequenz zu stabilisieren, wird diese Leistung vergütet.»
Stichwort Eigentümer der Anlagen: Wer kann bei Equalio mitmachen?
Grundsätzlich alle, die eine flexible Anlage haben, die kurzfristig reagieren kann. Das können Batteriespeicher sein, Notstromaggregate, kleinere Kraftwerke oder auch grössere Verbraucher, die ihren Strombezug anpassen können. Wichtig ist, dass die Flexibilitätsanlagen zuverlässig gesteuert werden können. Ansonsten berücksichtigen wir die Rentabilität der Vermarktung von Flexibilität in unserem Pool. Einfach gesagt: Grössere Anlagen erzielen im Vergleich zu den laufenden Kosten höhere Erlöse.
Was bedeutet das für die Teilnehmenden im Alltag?
Vor allem eines: wenig Aufwand. Die Anlage wird in unser System integriert, alles Weitere läuft automatisch. Niemand muss manuell eingreifen oder ständig Entscheidungen treffen. Gleichzeitig bleibt die Anlage im Besitz der Eigentümerinnen und Eigentümer und erfüllt weiterhin ihren ursprünglichen Zweck.
Und was hat man konkret davon, wenn man mitmacht?
Zum einen leistet man einen Beitrag zur Stabilität des Stromnetzes. Das ist angesichts des Ausbaus der erneuerbaren Energien enorm wichtig. Zum anderen gibt es einen finanziellen Nutzen: Wenn eine Anlage hilft, die Netzfrequenz bei 50 Hertz zu halten oder Lastspitzen auszugleichen, wird diese Leistung, wie erwähnt, vergütet. Für viele ist das ein zusätzlicher Erlös, ohne zusätzlichen Betriebsaufwand.
Was fasziniert dich persönlich an virtuellen Kraftwerken?
Mich beeindruckt dieses Zusammenspiel. Da gibt es nicht das eine Kraftwerk, sondern viele Menschen, Betriebe und Gemeinden, die gemeinsam Verantwortung übernehmen. Jede Anlage für sich ist überschaubar, zusammen entsteht aber etwas sehr Stabiles. Wenn das Netz ruhig bleibt, obwohl überall gleichzeitig Strom produziert oder verbraucht wird, dann weiss man: Genau dafür lohnt sich dieser Ansatz.

Nutzen Sie vorhandene Flexibilität Ihrer Energieanlagen wirtschaftlich. Mit Equalio können Flexibilitäten am Markt eingesetzt und vergütet werden. Gleichzeitig lässt sich der Anlagenbetrieb durch gezielte Energiestrategien optimieren.
