Welche Entwicklungen prägen unsere Energiezukunft und wie können wir sie mitgestalten? Zukunftsforscher Georges T. Roos über Klimawandel, Energiewende, neue Technologien und Zuversicht trotz Unsicherheit.

Interview von Timothy Pfannkuchen und Anita Pillet

Herr Roos, was arbeiten Zukunftsforschende?

Georges T. Roos: Zukunftsforschung ist weder Prognostik noch Glaskugellesen oder Kaffeesatzdeuten. Wir nutzen verschiedene Methoden, etwa die Szenariotechnik, um uns den Zukunftsthemen zu stellen und fragen, was mögliche Zukünfte für Wirtschaft und Gesellschaft bedeuten könnten.

Wie weit lässt sich die Zukunft vorhersehen?

Ich beschäftige mich vor allem mit strukturellen Veränderungen, mit grossen Shifts, die wir Megatrends nennen. Bildlich kann man sie als grosse Winde bezeichnen, die ein Segler nutzt, um sein Ziel zu erreichen. Sie setzen die Rahmenbedingungen, aber nicht das Ziel. Viele dieser Megatrends lassen sich mit hoher Wahrscheinlichkeit antizipieren. Daneben gibt es Überraschungen und Disruptionen, die niemand vorhersieht. Umso wichtiger ist es, zumindest das, was man wissen kann, auch zu berücksichtigen.

Warum lohnt sich das Denken in Zukunftsszenarien?

In die Zukunft zu denken, liegt in der Natur des Menschen. Wir machen das dauernd, oft ohne dass es uns bewusst ist. Wer Verantwortung für eine Organisation trägt, sollte sich aber nicht nur auf das Bauchgefühl verlassen. Systematisches Vorgehen hilft, blinde Flecken und Überraschungen zu minimieren.

Un homme d'âge mûr avec des lunettes, un costume sombre et une chemise bleue parle attentivement les mains jointes dans un bureau moderne.
Un homme à lunettes en costume parle attentivement lors d'une discussion.

Zur Person

Georges T. Roos beschäftigt sich seit 1997 professionell mit Zukunftsfragen und gesellschaftlichem Wandel. 2000 gründete er sein eigenes Zukunftsforschungsinstitut ROOS Trends&Futures. Der studierte Pädagoge, Publizist und Psychologe lebt in Luzern und befasst sich insbesondere mit Megatrends und Zukunftsszenarien. Seit 2022 ist er Co-Präsident der Schweizerischen Vereinigung für Zukunftsforschung Swissfuture.

Welche Rolle spielt der Klimawandel?

Er ist einer der starken Treiber unserer Zukunft. Die steigenden Temperaturen bestimmen mit, wo und wie wir leben, wie wir uns gesund halten, uns ernähren, wie wir bauen und uns fortbewegen. Die Herausforderung besteht darin, Wohlstand und Fortschritt vom Ressourcenverbrauch zu entkoppeln. Dekarbonisierung, Ressourcenschonung und Kreislaufwirtschaft spielen eine grosse Rolle.

Die gesellschaftspolitische Herausforderung ist, nachhaltiges Leben positiv zu erzählen. Fragt man, wer für mehr Klimaschutz ist, gehen viele Hände hoch. Dieselben Leute fahren danach mit dem Auto zum Flughafen und fliegen auf die Bahamas. Zwischen Bekenntnis und Verhalten klafft also eine Lücke. Warum ist das so? Nachhaltigkeit wird im Hinterkopf schnell mit Verboten und Kosten verbunden. Diese Erzählung müssen wir verändern. Wir sollten stärker fragen: Was gewinnen wir, wenn wir nachhaltig leben?

Geht die Energietransformation schnell genug voran?

Global hängt noch ein grosser Teil der Energieversorgung von fossilen Brennstoffen ab. Gleichzeitig wachsen die erneuerbaren Energien stark. Auch bei uns ist die Dekarbonisierung im Gang. Man kann durchaus sagen, dass es zu langsam geht, aber es bestehen Zielkonflikte. Alle drei Dimensionen der Nachhaltigkeit müssen mitgedacht werden: die ökologische, die soziale und die wirtschaftliche. Denn wenn eine überbetont wird, können die anderen darunter leiden.

Sind die Energieszenarien des Bundes realistisch?

Soweit ich das beurteilen kann, beruhen diese Szenarien auf plausiblen Annahmen. Das Problem beim Szenarienbau ist immer das noch Unbekannte. Wenn wir 30 Jahre vorausdenken, wissen wir nicht, welche technologischen Durchbrüche gelingen. Auch Rückschläge oder Katastrophen lassen sich in Szenarien nur schwer abbilden.


«Neue Technologien sollten wir zunächst als Chance betrachten. »
Georges T. Roos - Zukunftsforscher

Ist eine autarke Stromversorgung bei uns sinnvoll?

Ich bin in dieser Frage kein Experte. Klar ist aber: Im Stromsystem müssen Produktion und Verbrauch praktisch immer deckungsgleich sein. Ob sich das autark lösen lässt, daran habe ich Zweifel. Trotzdem sollten wir möglichst viel selbst tun. Bei neuen Atomkraftwerken tendiere ich eher zu einem Ja, weil sie Grundlast liefern. Zentral ist zudem die Speicherung, denn Strom aus erneuerbaren Energien wird oft nicht dann produziert, wenn wir ihn brauchen. Künftig könnten auch Hunderttausende Autobatterien über bidirektionales Laden als Speicher dienen.

Elektroautos können als bidirektionale Speicher eingesetzt werden. 

Werden wir E-Autos als Stromspeicher akzeptieren?

Das wird vor allem eine Frage der Erfahrung sein. Wenn man merkt, dass es reibungslos funktioniert und trotzdem genügend Batteriekapazität vorhanden ist, verschwindet die Skepsis mit der Zeit. Auch Anreize können helfen – etwa Entschädigungen, Gutschriften oder günstigere Strompreise zu bestimmten Zeiten. 

Wie lösen wir Konflikte bei Wind und Solar? 

Es gilt, Nutzen und Nachteile gegeneinander abzuwägen. Entscheidend ist, wie viel eine Anlage zur Stromversorgung beiträgt und was wir dafür in Kauf nehmen. Oft kommt zudem das «Not in my backyard»-Phänomen hinzu: Man ist grundsätzlich dafür, aber bitte nicht hier.

Lösen neue Technologien unsere Energieprobleme?

Neue Technologien sollten wir zunächst als Chance betrachten. Das gilt für die Kernfusion ebenso wie für neue Reaktorgenerationen, die künftig möglicherweise nuklearen Abfall als Brennstoff nutzen könnten. Noch ist vieles nicht spruchreif, doch es wird intensiv geforscht. 

Wir sollten uns deshalb nicht auf eine einzelne Technologie verlassen, uns neuen Möglichkeiten aber auch nicht verschliessen. In Europa sehen wir oft zuerst die Risiken und erst danach den möglichen Nutzen.

Sind Sie eher Optimist oder Pessimist?

Ich würde mich in den Worten des schwedischen Arztes und Gesundheitsforschers Hans Rosling als «Possibilist» bezeichnen: kein Pessimist, kein Optimist. Ich glaube an die Möglichkeiten, die wir haben, wenn wir sie nutzen.

Kommt die Zukunft ohnehin anders als gedacht?

Zum Teil. Die Zukunft lässt sich nicht vorhersagen, Überraschungen gehören dazu. Auch positive, nur brauchen konstruktive Entwicklungen meist mehr Zeit als destruktive. Entscheidend ist deshalb, was wir aus den Möglichkeiten machen. Die Zukunft ist nicht vorherbestimmt.

Zum Schluss: Freuen Sie sich auf morgen?

Ja! (lacht)