Im Sommer produziert die Schweiz häufig mehr Strom, als sie selbst verbraucht. Im Winter ist es umgekehrt. Dieses saisonale Ungleichgewicht wird als «Winterstromlücke» bezeichnet. Für Sie als Stromkundin oder Stromkunde ist das vor allem aus zwei Gründen relevant: Versorgungssicherheit und Preisentwicklung.

Warum entsteht die Winterlücke?

Die Schweiz produziert pro Jahr rund 60 bis 65 Terawattstunden Strom, in einzelnen Jahren auch mehr. Rund 55 bis 60 Prozent stammen aus Wasserkraft, knapp 30 Prozent aus Kernenergie. Photovoltaik liefert inzwischen rund 10 bis 12 Prozent der Jahresproduktion, Windenergie weiterhin unter 1 Prozent. Hinzu kommen thermische Anlagen wie Kehrichtverbrennung. Genaue Zahlen finden Sie hier. 

Das Problem liegt nicht in der Jahresmenge, sondern in der Verteilung über das Jahr. Laufwasserkraftwerke produzieren im Sommer mehr Strom, wenn Schneeschmelze und Niederschläge die Flüsse speisen. Photovoltaikanlagen liefern ihren Hauptanteil zwischen Frühling und Herbst. Im Winter hingegen sind die Tage kürzer, die Sonneneinstrahlung geringer.

Gleichzeitig steigt in der kalten Jahreszeit der Strombedarf: Beleuchtung, Wärmepumpen, elektrische Heizsysteme und industrielle Prozesse führen zu höheren Lasten. Entscheidend ist dabei die gleichzeitig benötigte Leistung an kalten Tagen. Wenn Produktion saisonal sinkt und der Bedarf steigt, entsteht ein Importbedarf. Seit Jahren liegt dieser Winter-Nettoimport in der Grössenordnung von rund 4 bis 6 TWh, also etwa 10 bis 15 Prozent des Winterverbrauchs.

Müssen Kundinnen und Kunden mit Engpässen rechnen?

Kurz gesagt: Nein, nicht im Normalfall. Die Schweiz ist technisch eng mit dem europäischen Stromsystem verbunden. Im Sommer exportieren wir Überschüsse, im Winter importieren wir Strom. Dieses Modell funktioniert seit Jahrzehnten. Nach der Energiekrise 2022 wurden zusätzlich eine strategische Wasserkraftreserve und Reservekraftwerke eingeführt. Sie dienen als Absicherung für ausserordentliche Situationen.

Was plant die Politik?

Mit der Energiestrategie 2050 und dem 2024 angenommenen Stromgesetz soll die inländische Winterproduktion schrittweise erhöht werden. Ziel ist es, die Importabhängigkeit im Winter zu reduzieren. Geplant sind zusätzliche Speicherwasserkraft, alpine Photovoltaik mit höherem Winterertrag und auch Windenergie, die saisonal eher im Winter produziert.

Windenergie kann im Gesamtmix speziell im Winter eine wichtige Rolle spielen. 

Warum betrifft das auch Ihre Stromrechnung?

Die Winterstromlücke beeinflusst indirekt die Strompreise. In Zeiten knapper europäischer Produktion können Marktpreise steigen. Mehr inländische Winterproduktion erhöht die Stabilität und reduziert die Abhängigkeit von externen Preisschwankungen. Investitionen in Produktionsanlagen, Netze und Reserven wirken sich jedoch ebenfalls auf Tarife aus, allerdings mit dem Ziel, langfristige Versorgungssicherheit zu gewährleisten.

Welche Rolle spielt Primeo Energie?

Primeo Energie unterstützt die Energiestrategie des Bundes und sieht sich als Teil der Lösung. Das Unternehmen prüft und entwickelt Projekte im Bereich erneuerbare Energien – auch Windenergie – um die regionale und saisonale Produktionsbasis zu stärken. Ziel ist eine breit abgestützte, sichere und nachhaltige Stromversorgung für Kundinnen und Kunden.

Die Winterstromlücke ist kein unmittelbares Versorgungsrisiko, sondern eine strukturelle Herausforderung eines sich wandelnden Energiesystems. Entscheidend ist, dass Produktion, Speicher, Netze und internationale Zusammenarbeit so weiterentwickelt werden, dass die Stromversorgung auch in kalten Wintern stabil bleibt, zu planbaren Kosten und mit zunehmendem Anteil erneuerbarer Energien.