Lupsingen hat eine auffallend hohe Dichte an Solardächern. Die im neuen Stromgesetz möglichen lokalen Elektrizitätsgemeinschaften machen das Dorf im Netzgebiet von Primeo Energie nun zur grossen Solaranlage.
Text: Andreas Schwander | Bilder und Video: Niels Franke
Es fällt auf in Lupsingen: Wo immer man hinschaut, überall sind Photovoltaikanlagen. Das Baselbieter Dorf ist solaraffin. Die Leute wohnen hier wegen der Nähe zu Liestal, der schönen Landschaft und der Sonne. Einfamilienhäuser dominieren, es gibt aber auch ein paar Mehrfamilienhäuser und mit einer grossen Schreinerei, so etwas wie ein Gewerbegebiet.
Von der Solargenossenschaft zur LEG
Treiber hinter dem Lupsinger Solarboom ist der GLP-Landrat Manuel Ballmer. Schon 2012 gründete er die Solargenossenschaft Luposol. Damit konnten sich Einwohnerinnen und Einwohner von Lupsingen an PV-Anlagen beteiligen, bevor sie eine eigene gebaut hatten. Diese Anlagen befinden sich auf dem Schulhaus, auf anderen Gemeindeliegenschaften und bei Privaten.
Das neue Stromgesetz von 2024 hat Ballmer nun ein völlig neues Werkzeug in die Hand gegeben, mit dem er die vielen kleinen PV-Anlagen zu einem gemeinsamen Strommarkt zusammenschliessen kann: eine LEG oder lokale Elektrizitätsgemeinschaft. In einer LEG können Stromproduzenten und -verbraucher innerhalb derselben Gemeinde lokal erzeugten Strom über das öffentliche Verteilnetz miteinander teilen. Die Teilnehmenden müssen unter anderem im selben Netzgebiet und auf derselben Netzebene angeschlossen sein.

Manuel Ballmer freut sich, dass bereits über 100 Personen Interesse bekundet haben, an der LEG teilzunehmen.
Ein Dorfmarkt für Strom
Mit der LEG entsteht ein Dorfmarkt für Strom. Wer Solarstrom produziert, kann diesen anbieten, und Konsumenten und Konsumentinnen ohne eigene PV-Anlagen kaufen den Strom von der LEG günstiger als vom Netzbetreiber. Das Einzige, an das sich alle gewöhnen müssen, ist, dass sie künftig zwei Stromrechnungen statt einer bekommen. «Wir haben im Dorf 146 PV-Anlagen mit einer Leistung von 2,3 Megawatt-Peak (MWp)», erzählt Manuel Ballmer. Davon seien 56 Anlagen mit einer Leistung von 1,06 MWp in seiner LEG zusammengeschlossen. Sie ist damit eine der grössten schweizweit.
Allerdings funktioniert ein Markt, der nur aus Verkäufern besteht, nicht. «Wir hatten sofort sehr viele PV-Anlagen-Besitzer, die ihren Strom verkaufen wollten, aber zu wenige Kundinnen und Kunden, die Strom brauchten», erzählt Manuel Ballmer. «Deshalb sind wir laufend auf der Suche nach Abnehmerinnen und Abnehmern für den Strom. Und wir haben auch gelernt, dass man den Käufern ein richtig gutes Angebot machen muss, damit sie mitmachen.»

Nathan Walder kennt die LEG aus verschiedenen Perspektiven: als Gemeinderat von Lupsingen und als Mitarbeiter von Primeo Energie, in deren Netzgebiet die lokale Elektrizitätsgemeinschaft angesiedelt ist.
Die Energietransformation ist weisshaarig
Auch die Politik steht hinter der grossen Solaranlage, die mittlerweile das halbe Dorf überspannt. «Die Leute machen mit und sind engagiert», sagt Gemeinderat Nathan Walder. «Doch man muss sie abholen. Die Energiewende lebt vom Engagement jener Menschen, die Verantwortung übernehmen, Zeit investieren und bereit sind, konkret etwas zu bewegen.» Walder ergänzt: «Die Aufgabe unserer Gemeinde ist es, die Bevölkerung bei Fragen und Unsicherheiten zu unterstützen und gute Rahmenbedingungen zu schaffen, damit die Energiewende vor Ort konkret umgesetzt werden kann. Beim Anmeldeverfahren, das ausschliesslich digital erfolgt, stehen zudem der LEG-Betreiber sowie Primeo Energie unterstützend zur Seite. Denn uns ist wichtig, dass möglichst alle von diesem tollen Angebot profitieren können.»
Manuel Ballmer schmunzelt dazu: «Genau, bei uns funktionieren die Anmeldung und die Registrierung online. Trotzdem habe ich handgeschriebene Briefe von Leuten erhalten, die an der LEG teilnehmen wollten.»

Simon Dürrenberger ist Stromproduzent und -bezüger zugleich: Im Sommer verkauft er Solarstrom, im Winter bezieht er Energie von Nachbarn auf der Sonnenseite des Tals.
LEG gleicht topografische Nachteile aus
Dazu kommt: Eine LEG ist ein Saisongeschäft – wie ein Skilift. Im Sommer gibt es oft zu viel Strom, im Winter zu wenig. Doch auch hier gibt es Nuancen. Das Dorf liegt in einem Talboden und klettert an beiden Talseiten den Hang hoch. «Ich wohne am Schattenhang», erzählt Simon Dürrenberger. Er arbeitet im Bürgerrat mit und hat seit 2021 eine PV-Anlage auf dem Dach seines Hauses. «Ich habe im Sommer sehr viel Strom, aber zu anderen Zeiten als jene Anlagen auf der Sonnenseite des Tals. Darum kann ich auch im Sommer Strom verkaufen. Im Winter habe ich sehr viel weniger und kaufe dann über die LEG den Strom von den Produzenten auf der anderen Talseite, die selbst im Winter manchmal zu viel Strom haben.
Die LEG hat so den Vorteil, dass sie die topografischen Unterschiede und Standortnachteile zwischen den Teilnehmenden ausgleicht und so die gemeinsame Nutzung der PV-Anlagen effizienter macht. «Im Sommer bin ich Produzent und im Winter Konsument», erzählt Simon Dürrenberger. Der Dorfmarkt für Strom funktioniert so für alle – und macht das Dorf zu einer einzigen grossen Photovoltaikanlage.

Wenn der Strom im Quartier bleibt
Lokale Elektrizitätsgemeinschaften sorgen dafür, dass Solarstrom wirtschaftlich gesehen in der Nachbarschaft bleibt. Das entlastet das Netz, stärkt die Region und macht die Energiewende im Alltag erlebbar.
