Die zahlreichen Solaranlagen im Verteilgebiet werden immer mehr zur Herausforderung fürs Stromnetz. Denn es muss schnell wechselnde Einspeisungen abfangen können. Neue Wahltarife von Primeo Energie sollen nun sowohl die Einspeisung als auch den Verbrauch flexibilisieren.

Text: Andreas Schwander

Solarstrom aus Photovoltaikanlagen (PV) dominiert im Sommer die Stromproduktion und damit auch die Aufgaben der Stromnetzbetreibenden. Und genauso wie man früher mit dem billigen Nachttarif und der automatischen Steuerung von Boilern und anderen steuerbaren Verbrauchern den Verbrauch mit starren Tarifen an das damalige Produktions- und Verbrauchsprofil angepasst hat, passt Primeo Energie nun mit flexiblen Tarifen Verbrauch und Einspeisung an die flexible Produktion an.

Neu gibt es zu den Standardtarifen einen zusätzlich wählbaren Einspeisetarif für Produzenten und zwei wählbare Bezugstarife für Konsumentinnen. Der Zweck ist immer derselbe: Verbrauch und Produktion sollen so flexibilisiert werden, dass das Netz weniger belastet wird. Das spart Netzausbaukosten, Grabereien in Strassen und Trottoirs und vor allem auch sehr viel Material und Kosten.

Two technicians wearing white hard hats install photovoltaic solar panels onto the pitched metal roof of a residential house.
Two technicians installing photovoltaic solar panels on a residential metal roof.

Die Produktion von Solarmodulen kann sich bei wechselhaftem Wetter von Sekunde zu Sekunde ändern. Die neuen Wahltarife von Primeo Energie tragen dem Rechnung.

Verwenden statt verschwenden

Mit dem neuen Stromgesetz dürfen die Netzbetreibenden die Einspeisung von Photovoltaikanlagen zur Entlastung des Netzes zeitweise begrenzen. Eine Möglichkeit ist, die Einspeiseleistung auf 70 Prozent der installierten Leistung zu begrenzen. Damit der Strom nicht verloren geht, führt Primeo Energie den Tarif Primeo SolarAktiv ein. Zwischen 12 und 15 Uhr, wenn am meisten Solarstrom anfällt, ist der Einspeisetarif sehr niedrig: 2,5 Rappen pro Kilowattstunde im Sommer und 5,5 Rappen im Winter. Dafür ist er zu allen anderen Zeiten deutlich höher: 7,5 Rappen im Sommer und 15 Rappen im Winter.

Dem steht ab 1. Januar 2027 ein neuer Einspeisetarif gegenüber, der für alle nicht in einem anderen Tarifsystem befindlichen PV-Anlagen in der Schweiz gilt und sich am stündlichen Marktpreis im Stromhandel orientiert. Dieser Tarif ist grundsätzlich variabel. Er kann deutlich tiefer sein als der Einspeisetarif von Primeo Energie. Mit dem Tarif Primeo SolarAktiv wird die Anlage nicht abgeregelt, die Eigentümerinnen und Eigentümer von PV-Anlagen sind aber angehalten, zwischen 12 und 15 Uhr den Strom selbst zu brauchen: in Waschmaschinen, Tumblern, Wärmepumpen mit Warmwasserspeichern, Boilern oder Geschirrspülern. Oder sie laden den Strom in ihre Batterien. Immerhin wird im Verteilgebiet von Primeo Energie mittlerweile jede zweite PV-Anlage mit einer Batterie gebaut und zurzeit sind schon rund 6000 Batterien am Netz.

Lukas Küng, Geschäftsführer von Primeo Netz, möchte PV-Anlagenbesitzerinnen und -besitzer dazu bringen, aktiv das Netz zu stabilisieren. 

Mit dem neuen Tarif gilt dasselbe Prinzip wie bei ablaufenden Lebensmitteln bei den Grossverteilern: verwenden statt verschwenden. Denn auch Strom ist letztlich ein verderbliches Produkt, mit dem sofort nach der Produktion etwas geschehen muss.

Lukas Küng, Geschäftsführer von Primeo Netz und verantwortlich für die Planung neuer Tarife, betont: «Ziel ist, die Produktionsspitze am Mittag zu brechen und das Netz zu entlasten. Als Dank erhalten die Produzenten übers Jahr verteilt einen besseren Einspeisetarif und Planungssicherheit gegenüber der neuen allgemeinen Einspeisevergütung.»

Primeo Aktiv für die bewussten Konsumenten

Doch auch Stromkonsumenten und -konsumentinnen ohne eigene PV-Anlagen können mithelfen, das Stromnetz zu stabilisieren. Dafür hat das Team von Lukas Küng den Bezugstarif Primeo Aktiv geschaffen. Wer eine Wärmepumpe, ein Elektroauto oder eine Speicherbatterie besitzt, hat davon den grössten Nutzen. Dieser Tarif funktioniert nach einem ähnlichen Prinzip wie der Einspeisetarif Primeo SolarAktiv, einfach für Strombezüge.

Und weil Eigentümerinnen und Eigentümer von PV-Anlagen gleichzeitig Produzenten und Konsumentinnen, sogenannte Prosumer sind, können sie beide Tarife beantragen. Während der Produzententarif Primeo SolarAktiv die Einspeisung in den Mittagsstunden reduzieren will, möchte der Bezügertarif Primeo Aktiv den Bezug in dieser Zeit steigern. Der Strom ist deshalb von 12 bis 17 Uhr billiger.

Die Anwendung ist relativ einfach. Luftentfeuchter oder Gefriertruhen können mit einfachen Zeitschaltuhren gesteuert werden, viele Wärmepumpen und Heizbatterien verfügen über entsprechende Programmiermöglichkeiten.

A person holding and tapping a smartphone displaying a data dashboard app with a colorful donut chart and green bar graphs.
A person holds a smartphone displaying an energy consumption tracking app.

Moderne Energiemanagementsysteme zeigen auf dem Smartphone genau den Verbrauch und die Produktion eines Haushaltes. So können Kundinnen und Kunden der Wahltarife ihren Verbrauch genau steuern.

Primeo Netzdynamisch für die dynamischen Nerds

Mit den starren Schaltzeiten um 12 und 15 Uhr repräsentieren die Tarife SolarAktiv und Aktiv die heutige Energiewelt, die seit Jahrzehnten Geräte zu genau definierten Zeiten ein- und ausschaltet.

Doch die breit verfügbare Technik ist bereits viel weiter. Der Tarif Primeo Dynamisch passt sich stündlich an. Dabei sind sowohl der Netznutzungs- als auch der Energieteil dynamisch. Dafür ist ein Energiemanagementsystem wie der in der Schweiz weit verbreitete Solar Manager oder ein ähnliches System nötig. Das System empfängt online die Preissignale von Primeo Energie und jongliert dann mit allen verfügbaren Verbrauchern und Produzenten: PV-Anlagen, Batterien, Elektroautos, Wärmepumpen, Warmwasserspeichern, Klimaanlagen oder Kühlschränken, aber auch mit Waschmaschinen oder Tumblern und Geschirrspülern – kurz, mit allen Systemen, deren Funktion nicht zeitkritisch ist.

Laut Primeo Energie kann ein Haushalt mit Elektroauto mit diesem Tarif gegenüber dem Standardtarif bis zu 25 Prozent beziehungsweise 500 Franken pro Jahr sparen. Die tatsächliche Einsparung hängt unter anderem vom Stromverbrauch und der Fahrleistung ab. Und vor allem ist ein solcher Haushalt damit die Avantgarde der Energiewende – dekarbonisiert für die Zukunft, aber ohne das Stromnetz der Gegenwart übermässig zu belasten.