Die Welt steckt im Krisenmodus. Auslöser sind geopolitische Verwerfungen wie der Krieg in der Ukraine, die angespannte Lage im Nahen Osten und die Unsicherheit rund um die Strasse von Hormus. Was bedeutet das für Wirtschaft und Energieversorgung? Und was muss jetzt getan werden, um die Energietransformation voranzutreiben und das Netto-Null Ziel zu erreichen?

Text: Marie-Joëlle Eschmann | Bilder: Whitney Bründler, Stock

Rund 20 Prozent des internationalen Öl- und Flüssigerdgashandels passieren die Strasse von Hormus. Störungen in diesem Korridor haben unmittelbare Folgen für die Weltwirtschaft: Verknappung, höhere Preise, gestörte Lieferketten. Europa und Asien sind stark davon betroffen. Für die Schweiz kommt erschwerend hinzu, dass rund 60 Prozent ihres gesamten Energieverbrauchs nach wie vor auf fossilen Energieträgern beruhen – etwa 46 Prozent entfallen auf Öl, weitere 12 Prozent auf Gas. Hinzu kommt die Sorge um die Gasversorgung im kommenden Winter: Die Gasspeicher in der Schweiz sind derzeit relativ leer, und der Zeitpunkt sowie die Kosten einer rechtzeitigen Befüllung sind ungewiss.

Die unsichere geopolitische Lage spüren auch die Schweizer Unternehmen. Besonders betroffen sind Bereiche, die direkt mit Rohöl zusammenhängen: Düngemittel sind knapp, Vorleistungsgüter, die in Asien weiterverarbeitet werden, stocken in den Lieferketten. Und doch vermittelt die Lage an der Oberfläche ein ruhiges Bild: Aktienmärkte steigen, und die grossen Auswirkungen sind im Alltag noch nicht vollumfänglich spürbar. Genau diese scheinbare Normalität birgt ein Risiko: Sie verführt dazu, die Dringlichkeit des Handelns in Bezug auf die Energietransformation zu unterschätzen.

Strasse von Hormus in ruhigeren Zeiten. Etwa ein Fünftel der weltweiten Transporte mit Erdöl und Flüssigerdgas passieren diese Meerenge. 

Fossile Abhängigkeit als Risiko und Preistreiber in der Energieversorgung

Die aktuelle Krise macht eines deutlich: Wer auf fossile Energieträger angewiesen ist, ist verwundbar gegenüber geopolitischen Entwicklungen, über die er keine Kontrolle hat. Die Konsequenz daraus ist keine neue Erkenntnis, aber sie gewinnt an Dringlichkeit: Die Schweiz muss konsequent elektrifizieren.

Strom ist die einzige Energieform, die in Europa in grossem Massstab selbst produziert werden kann. Wer auf heimischen Strom setzt, entkoppelt sich von globalen Rohstoffmärkten und gewinnt an Versorgungssicherheit. Dazu kommt ein handfestes Effizienzargument: Ein Elektromotor ist rund 50 Prozent effizienter als ein Verbrenner, eine Wärmepumpe erbringt das Drei- bis Vierfache der Leistung einer Öl- oder Gasheizung. Elektrifizierung bedeutet also nicht nur weniger Abhängigkeit, sondern auch weniger Energieverbrauch insgesamt – ein doppelter Gewinn, der direkt auf die Schweiz einzahlt.

Der Blick auf die europäischen Strompreise bestätigt diesen Zusammenhang: Länder mit einem hohen Anteil fossiler Stromproduktion wie Deutschland oder Italien zahlen deutlich mehr als Spanien, das stark auf erneuerbare Energien setzt. CO₂-frei zu produzieren ist damit kein Dogma, sondern ein handfester Wettbewerbsvorteil.

Damit Elektrifizierung gelingt, braucht es aber deutlich mehr Stromproduktion. Die Winterstromlücke – das strukturelle Defizit in der inländischen Produktion während der Wintermonate – muss geschlossen werden. Das erfordert Investitionen in Wasserkraft, Wind- und Solaranlagen sowie in das Stromnetz.

Für economiesuisse-Direktorin Monika Rühl ist klar: «Das Stromabkommen ist essenziell für die Schweiz als Volkswirtschaft, aber auch für die einzelnen Unternehmen.»

Strom allein reicht nicht: Zwei weitere Hebel

Um die Schweiz resilienter gegen die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern und den geopolitischen Verwerfungen zu machen, braucht es neben dem inländischen Ausbau der ergänzend zwei Dinge.

Erstens: ein Stromabkommen mit der EU. Die Schweiz ist über 41 Verbindungen mit dem europäischen Stromnetz verknüpft und importiert wie exportiert Strom täglich. Die Schweizer Wasserkraft ist dabei ein strategischer Vorteil – flexibel, regelbar und somit wertvoll für das europäische Netz. Diesen Vorteil kann die Schweiz nur dann voll ausspielen, wenn sie rechtlich und technisch eng in den europäischen Strommarkt eingebunden ist. Monika Rühl, Direktorin von economiesuisse, bringt es im «Rend-e-Vous»-Podcast von Primeo Energie auf den Punkt: «Das Stromabkommen ist ein absoluter Nobrainer. Es ist essenziell wichtig für die Schweiz als Volkswirtschaft, aber auch für die einzelnen Unternehmen.»

Zweitens: stabile Rahmenbedingungen. Investitionen in Energieinfrastruktur laufen über 40 bis 60 Jahre. Wer heute in eine Solaranlage, ein Windkraftwerk oder eine Staumauer investiert, braucht Planungssicherheit. Seit 2020 schwankt die Schweizer Energiepolitik zwischen kurzfristigen Krisenreaktionen und langfristigen Strategiediskussionen. Was fehlt, ist der Fokus auf die Umsetzung – die Schaufel in der Hand, nicht das Konzept auf dem Tisch.

Dabei ist die Ausgangslage ermutigend: So hat die Schweizer Industrie bereits ihre Hausaufgaben in Bezug auf Netto-Null gemacht. «Die produzierende Industrie in der Schweiz hat das CO₂-Reduktionsziel für 2030 heute bereits erreicht, und für 2040 ist sie sehr nahe dran», sagt Monika Rühl. Massgeblich dazu beigetragen hat der Vereinbarungsmechanismus zwischen Unternehmen und dem Bund: Betriebe, die verbindliche Ziele zur CO₂-Reduktion eingehen, erhalten die CO₂-Abgabe zurückerstattet. Solche Rahmenbedingungen setzen Anreize und wirken.

Die Schweiz hat gute Voraussetzungen: eine innovative Wirtschaft, exzellente Lage im Herzen Europas, starke Wasserkraft und eine Industrie, die bewiesen hat, dass sie sich dekarbonisieren kann. Was fehlt, ist das Tempo. Und vielleicht auch das Bewusstsein, dass die scheinbare Ruhe an der Oberfläche kein Grund ist, sich zurückzulehnen. Die fossile Abhängigkeit ist die Verwundbarkeit – die Elektrifizierung ist der Weg heraus. Die nächsten Jahre entscheiden, ob die Schweiz diesen Weg entschlossen geht.

Zum Thema Wirtschaft, Energieversorgung und Versorgungssicherheit in der Schweiz empfehlen wir Folge 15 des «Rend-e-Vous»-Podcasts von Primeo Energie, in dem Cédric Christmann, CEO von Primeo Energie, und Monika Rühl, Direktorin von economiesuisse, die aktuellen wirtschaftlichen und geopolitischen Entwicklungen und ihre Auswirkungen auf die Schweizer Energieversorgung einordnen. Der Podcast ist auf allen gängigen Plattformen sowie auf www.primeo-energie.ch/podcast verfügbar.

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