Monika Rühl ist seit 2014 Direktorin von economiesuisse, dem Dachverband der Schweizer Wirtschaft. Im Gespräch erklärt sie, warum die aktuelle geopolitische Lage die Schweizer Unternehmen besorgt, weshalb das Netto-Null-Ziel für die Wirtschaft keine Bürde ist, und wie sie persönlich die Balance zwischen Krisenmanagement und langfristiger Strategie findet.

Interview: Marie-Joëlle Eschmann | Bilder: Whitney Bründler

Frau Rühl, Sie sind seit zwölf Jahren Direktorin von economiesuisse. Haben Sie in dieser Zeit je eine so verdichtete Krisenlage erlebt: Krieg in Europa, geopolitische Spannungen im Nahen Osten, Energieverknappung, Handelskonflikte? Was hören Sie von den Mitgliedsunternehmen?

Ich erlebe diese Situation als ausserordentlich belastend. Wir hatten in den letzten Jahren immer wieder Krisen, aber dass sich so viele Entwicklungen gleichzeitig überlagern und gegenseitig verstärken, das ist neu. Die Unsicherheit ist gross, und niemand kann sagen, wann sich die Lage entspannt.

Was mich besonders beschäftigt, sind die Rückmeldungen unserer Mitgliedsunternehmen. Die Sorgen sind real: gestörte Lieferketten, höhere Beschaffungskosten, Unsicherheit bei der Energieplanung. Die Schweizer Industrie arbeitet nach wie vor in weiten Teilen mit Gas. Die Frage, wie und zu welchem Preis die Gasspeicher rechtzeitig für den nächsten Winter gefüllt werden können, ist nicht geklärt.

«Die Sorgen sind real»: Monika Rühl über die Stimmung in der Schweizer Wirtschaft.


« Netto-Null ist eine Chance, die Wirtschaft hat das erkannt. »
Monika Rühl, Direktorin economiesuisse

Die aktuelle Krise hat auch einen Einfluss auf die Energiepreise und die Versorgungssicherheit. Was macht das mit der Schweizer Wirtschaft?

Zwei Dinge beobachte ich bei unseren Mitgliedern besonders deutlich. Erstens: die Preissensibilität. Die Schweiz zählt inzwischen in Europa zu den Ländern mit den höchsten Strompreisen, das war nicht immer so. Energie ist ein wichtiger Produktionsfaktor. Wenn er teurer wird, drückt das auf die Effizienz und die Wettbewerbsfähigkeit. Für energieintensive Branchen ist das kein abstraktes Problem.

Zweitens: die Versorgungssicherheit. Nicht nur der Preis zählt, sondern auch die Verlässlichkeit. Unternehmen, die Produktionsprozesse planen, brauchen Gewissheit, dass der Strom fliesst. Die aktuelle geopolitische Lage hat dieses Bewusstsein geschärft. Energie ist keine Selbstverständlichkeit. Das ist eigentlich eine alte Erkenntnis, aber sie wird gerade wieder sehr aktuell.

Im öffentlichen Diskurs wird Netto-Null oft als Bürde für die Wirtschaft dargestellt. Sie sehen das anders. Was entgegnen Sie Skeptikern – und was zeigt die Praxis Ihrer Mitgliedsunternehmen?

Ja, das ist für mich klar: Netto-Null ist eine Chance, die Wirtschaft hat das erkannt. Wenn ich schaue, was die produzierende Industrie in der Schweiz in den letzten Jahren geleistet hat, bin ich beeindruckt. Das CO₂-Reduktionsziel für 2030 hat die Industrie heute bereits erreicht.

Was gut funktioniert, ist der Vereinbarungsmechanismus: Unternehmen, die verbindliche Reduktionsziele mit dem Bund vereinbaren, erhalten die CO₂-Abgabe zurückerstattet. Das schafft Anreize ohne Zwang – und es wirkt. Klar wird es mit der Zeit schwieriger: Am Anfang erntet man die tiefer hängenden Früchte, die letzten Prozentpunkte sind immer die aufwendigsten. Aber die Bereitschaft in unserer Mitgliedschaft ist eindeutig da. Die Frage ist nicht ob, sondern wie. Dafür braucht es gute Rahmenbedingungen.

Der Ausbau der Erneuerbaren gehört zu den Kernforderungen Rühls

Sie betonen immer wieder die Dringlichkeit in Bezug auf die Energietransformation. Warum haben Sie den Eindruck, dass die Dringlichkeit in der Öffentlichkeit manchmal vergessen geht – und wie schafft man es, sie präsent zu halten?

Das Paradox ist folgendes: Solange die Lichter brennen und die Wirtschaft läuft, fühlt sich vieles normal an. Wenn Aktienkurse steigen und der Alltag funktioniert, fällt es schwer, ein Problem als dringend zu empfinden, das sich langsam aufbaut. Dabei sind die Signale längst da: gestörte Lieferketten, steigende Energiepreise, Gasspeicher, die rechtzeitig gefüllt werden müssen.

Die Dringlichkeit in den Köpfen zu verankern, in der Gesellschaft und in den Unternehmen, ist eine Daueraufgabe. Gerade in der direkten Demokratie, wo grosse Infrastrukturprojekte an der Urne mitgetragen werden müssen, ist das keine Kleinigkeit. Wenn die Menschen nicht verstehen, warum ein Windpark oder eine neue Staumauer jetzt gebraucht wird, ist das schwierig. Deshalb müssen wir kommunizieren und erklären. Immer wieder, nicht als Kampagne, sondern indem wir uns mit den Konsequenzen des Nicht-Handelns ehrlich auseinandersetzen.

Wie gelingt Ihnen persönlich die Balance zwischen dem Reagieren auf kurzfristige Krisen und dem Nicht-aus-den-Augen-Verlieren des langfristigen Ziels?

Ruhig bleiben, das ist für mich in dieser Situation die wichtigste Devise. Wenn viel Unsicherheit im System ist, ist es umso wichtiger, einen klaren Kopf zu behalten.

Was mir dabei hilft: Zu wissen, dass das langfristige Ziel klar ist. Netto-Null 2050 ist kein Beschluss irgendeines Gremiums. Das Volk hat ihn mitgetragen und die Richtung bestimmt. Was es jetzt braucht, ist stetiges, schrittweises Handeln in diese Richtung.

Gelingt mir das jeden Tag gleich gut? Ehrlich gesagt: Nein. Aber ich versuche es. Und ich glaube, das ist auch eine Führungsaufgabe: Menschen das Gefühl zu geben, dass wir die Richtung kennen und ihr treu bleiben. Auch dann, wenn vieles noch offen ist.

Monika Rühl war zu Gast in Folge 15 des «Rend-e-Vous»-Podcasts von Primeo Energie. Das Gespräch ist auf allen gängigen Plattformen sowie auf www.primeo-energie.ch/podcast verfügbar.

Hier finden Sie den Podcast Rend-e-Vous