Am Rand von Kappel, gleich neben dem Unterwerk, stehen graue Batteriecontainer hinter Begrünung und Sichtschutz. Von aussen wirkt die Anlage nüchtern: Beton, Metall, Trafostationen, ein leises Surren. Spektakulär sieht das kaum aus. Für das Stromsystem ist der Speicher dennoch ein wichtiger Baustein. Nach heutigem Stand gehört er zu den grössten Batteriespeichern der Schweiz.
Redaktion | Bilder: Maxime Burri
Seit Frühjahr 2026 ist der erste Teil des Speichers am Netz. Vier Batteriestränge laufen bereits, der fünfte ist bis Ende Jahr vorgesehen. Vollständig ausgebaut kommt die Anlage auf 30 Megawatt Leistung und 80 Megawattstunden Speicherkapazität. Bei voller Leistung kann sie also gut zweieinhalb Stunden Strom aufnehmen oder abgeben. Jedes der fünf Systeme besteht aus einem Haupttransformator, einem Wechselrichter und vier Batteriecontainern. Ein Container enthält 4160 einzelne Batteriezellen und wiegt rund 36 Tonnen.
Die Anlage wird heute vor allem für Regelenergie eingesetzt. Das Stromnetz funktioniert stabil, wenn Stromproduktion und Stromverbrauch laufend im Gleichgewicht sind. Die Sollfrequenz im europäischen Verbundnetz liegt bei 50 Hertz. Wird kurzfristig mehr Strom verbraucht als produziert, sinkt die Frequenz. Ist zu viel Strom im System, steigt sie. Dann braucht Swissgrid rasch zusätzliche Leistung oder Anlagen, die Strom aufnehmen können. Genau dafür eignen sich Batterien: Sie reagieren innerhalb weniger Sekunden und können in beide Richtungen arbeiten.

Die Flexibilität des Speichers wird über equalio eingebunden, die digitale Steuerungs- und Vermarktungsplattform von Primeo Energie. equalio verbindet flexible Anlagen wie Batteriespeicher, kleinere Kraftwerke, steuerbare Verbraucher oder Notstromanlagen in einem Flexpool. Aus diesem Zusammenspiel entsteht ein virtuelles Kraftwerk, das seine Leistung aus vielen einzelnen Anlagen bezieht. Bei der Batterie in Kappel heisst das konkret: Signale von Swissgrid laufen über equalio an die Anlage, die daraufhin Strom aufnimmt oder abgibt. Zusätzlich wurde der Speicher testweise am Schweizer Intraday-Markt eingesetzt, wo Strom kurzfristig bis kurz vor Lieferung gehandelt wird. Der Test zeigte, dass die Anlage technisch auch dafür bereit ist. Ob sie für Regelenergie oder im Stromhandel eingesetzt wird, hängt vom Bedarf im Netz und von den Marktbedingungen ab.
Dass solche Speicher wichtiger werden, hängt direkt mit dem Umbau des Energiesystems zusammen. Solar- und Windstrom fallen wetterabhängig an. Gleichzeitig schwankt auch der Verbrauch. Je mehr solche Produktion ins System kommt, desto wertvoller werden Anlagen, die kurzfristig reagieren können. Batteriespeicher helfen im Bereich von Sekunden bis Stunden. Für die saisonale Speicherung sind sie dagegen das falsche Werkzeug. Die Frage, wie Energie aus sonnenreichen Wochen in den Winter kommt, muss mit anderen Lösungen beantwortet werden.
Der Standort in Kappel bietet dafür gute Voraussetzungen. Das Unterwerk und die Netzanbindung waren bereits vorhanden, die Batterie steht auf einer Reserveparzelle neben der bestehenden Infrastruktur. «Wir mussten nichts an der Grundinfrastruktur ausbauen», sagt Lukas Küng, Geschäftsführer der Primeo Netz AG. Für ein Projekt dieser Grösse ist das ein gewichtiger Vorteil: kurze Wege zum Netz, weniger zusätzliche Eingriffe, weniger neue Leitungen.
Rainer Schmidlin, Gemeindepräsident von Kappel, sieht den Speicher als Teil einer Entwicklung, die auch in seiner Gemeinde längst läuft. Kappel beschäftigt sich seit Jahren mit Energiefragen: Photovoltaik auf Gemeindebauten, ein Wärmeverbund mit der Bürgergemeinde, weitere mögliche Solardächer und die Idee eines Windparks auf dem Born. Auch private Solaranlagen seien in der Gemeinde bereits verbreitet. «Im Grundsatz ist es natürlich absolut intelligent, was man hier macht», sagt Schmidlin. Für ihn liegt der Zusammenhang auf der Hand: Wenn mehr erneuerbarer Strom entsteht, braucht es auch Lösungen für Überschüsse und Schwankungen.
Schmidlin spricht auch an, was eine solche Anlage vor Ort bedeutet. Sie ist sichtbar und macht Geräusche. Die Gemeinde habe deshalb früh Wünsche zu Begrünung, Sichtschutz und Lärm eingebracht. Diese seien aufgenommen worden. Als es nach der Inbetriebnahme Reklamationen aus der Nachbarschaft gab, habe Primeo Energie rasch reagiert. «Da stehen Container herum und sie surren ein wenig», sagt Schmidlin. «Aber ich würde sagen, das ist gut ins Gelände eingepasst und stört nicht.» Sein Fazit zur Zusammenarbeit fällt knapp aus: «Das war tipptopp.»
Kappel bleibt nicht das einzige Projekt dieser Art. Primeo Energie plant weitere Grossbatteriespeicher; der nächste soll 2027 in Olten in Betrieb gehen.
