Lukas Gerster und Lucas Borer haben bereits einen Beruf erlernt, in unterschiedlichen Arbeitswelten Erfahrungen gesammelt und Verantwortung übernommen. Trotzdem haben sie sich entschieden, noch einmal eine Ausbildung zu beginnen. Bei Primeo Energie absolvieren sie ihre Zweitausbildung zum Netzelektriker EFZ.

Text und Bilder: Viktor Sammain

Wenn Lukas Gerster entlang einer Freileitung beurteilt, welche Äste zurückgeschnitten werden müssen, bewegt er sich auf vertrautem Terrain. Der gelernte Forstwart kennt Bäume, Motorsägen und das Arbeiten in anspruchsvollem Gelände. Neu sind für ihn die elektrotechnischen Anforderungen: Sicherheitsabstände, Netzspannungen und die Abläufe im Stromnetz.

Lucas Borer wiederum bringt Erfahrungen aus dem Verkauf, dem Strassenbau, dem Militär sowie aus dem Behörden- und Rettungsumfeld mit. Als Leutnant führte er zeitweise bis zu 40 Personen. Heute ist er wieder Lernender, liest Baustellenpläne, stellt Material bereit und lässt sich zeigen, worauf es bei Kabeln, Verteilkabinen und Hausanschlüssen ankommt.

Seit August 2025 drücken beide erneut die Schulbank und arbeiten sich von Grund auf in einen neuen Beruf ein. Dabei bringen sie etwas mit, das sich kaum in einem Kurs vermitteln lässt: Berufs- und Lebenserfahrung.

Lukas Gester (l.) und Lucas Borer (r.) mit Daniel Spiess (M.), dem Bildungsverantwortlichen der Primeo Netz AG. Am Kreismonteursposten in Breitenbach finde lernende Netzelektriker ein bestens ausgestattetes Übungsgelände vor.

Vom Wald an die Freileitung

Lukas Gerster arbeitete nach seiner ersten Ausbildung als Forstwart unter anderem als Felssicherungsspezialist. In der ganzen Schweiz montierte er Steinschlagschutzsysteme, sicherte Felswände und brachte Netzabdeckungen an. Sein Arbeitsplatz lag jedoch weit von seinem persönlichen Umfeld entfernt. «Meine Familie und meine Freunde leben hier im Schwarzbubenland. Deshalb wollte ich auch hier arbeiten», erzählt er.

Als Primeo Energie eine Stelle für einen Forstwart ausschrieb, bewarb er sich und absolvierte mehrere Probetage. Dabei kam die Möglichkeit einer Zweitausbildung zum Netzelektriker zur Sprache. Für Lukas passte beides zusammen: Er konnte in die Region zurückkehren, sein Wissen aus dem Forst einbringen und einen zweiten Beruf erlernen. «Für mich war das wie ein Sechser im Lotto. Ich kann beide Tätigkeiten ausüben.»

Lukas kann sein bisheriges Wissen unmittelbar einsetzen: Er erkennt, welche Arbeiten nötig sind, beherrscht den sicheren Umgang mit der Motorsäge und führt vereinbarte Aufgaben selbständig aus. Neu ist für ihn der Umgang mit Elektrizität. Viele Gefahren aus dem Forst kannte er bereits, Strom verlangt jedoch eine andere Form der Aufmerksamkeit. «Man sieht und riecht ihn nicht. Und wenn man ihn spürt, ist es häufig zu spät.» Mit der Ausbildung erweitert er seine Erfahrung um das elektrotechnische Fachwissen. Aus dem Forstwart wird so ein Fachmann, der sowohl das Gehölz als auch das Stromnetz versteht.

Ein beruflicher Kreis schliesst sich

Auch Lucas Borer beschäftigte der Beruf des Netzelektrikers schon früh. Bereits als Jugendlicher absolvierte er bei der damaligen EBM in Breitenbach eine Schnupperlehre. Zu einer Ausbildung kam es damals nicht. Stattdessen schloss er eine Lehre im Sportartikelverkauf ab. Danach folgten das Militär, der Strassenbau, eine Tätigkeit bei einer Behörde sowie das Rettungs- und Klinikumfeld. Die Frage nach einem Einstieg in den Netzbereich liess ihn dennoch nicht los.

2025 entdeckte er schliesslich eine Ausschreibung von Primeo Energie, die sich auch an Personen ohne direkte Erfahrung im Netzbau richtete. Er bewarb sich und erhielt die Chance, die Zweitausbildung zu beginnen. Für Lucas war es dabei wichtig, den Beruf systematisch zu erlernen und einen anerkannten Abschluss zu erwerben. «Irgendwann hat sich der Kreis geschlossen», sagt er über den Weg von der Schnupperlehre bis zu seinem heutigen Ausbildungsplatz.

Bewusst noch einmal von vorne beginnen

Wer als Erwachsener eine zweite Ausbildung beginnt, trifft diese Entscheidung meist sehr bewusst. Lukas und Lucas kennen körperlich anstrengende Arbeitstage, wechselnde Einsatzorte und die Zusammenarbeit in unterschiedlichen Teams. Gleichzeitig wissen sie, dass Erfahrung aus einem anderen Beruf das Fachwissen im Stromnetz nicht ersetzt. Daniel Spiess, Ausbilder für Netzelektriker bei Primeo Energie, sieht in ihrer Selbständigkeit, ihrem Verantwortungsbewusstsein und ihrer klaren beruflichen Vorstellung einen grossen Vorteil. Gleichzeitig gilt für ihn: «Sie sind und bleiben Lernende.»

Auch Erwachsene müssen Sicherheitsvorschriften, gesetzliche Vorgaben und technische Abläufe von Grund auf lernen. Primeo Energie setzt deshalb auf eine vollwertige Zweitausbildung mit eidgenössischem Fähigkeitszeugnis, kurz EFZ. So können die Lernenden ihre bisherige Erfahrung einbringen und erhalten zugleich eine systematische Fachausbildung.

Der Alltag besteht dabei vor allem aus praktischer Arbeit. Im zweiten Lehrjahr besuchen Lukas und Lucas jeweils am Mittwochvormittag den Fachunterricht in der Berufsschule. Weil beide bereits ein EFZ besitzen, sind sie vom allgemeinbildenden Unterricht und vom Sport befreit. Am Mittwochnachmittag kehren sie in den Betrieb zurück. Je nach Einsatz arbeiten sie auf einer Baustelle, üben auf dem Ausbildungsgelände oder führen ihr Lernjournal. Auch an den übrigen Tagen steht die praktische Ausbildung in den Teams im Mittelpunkt.

Wer zunächst herausfinden möchte, ob der Beruf zu ihm passt, kann bei Primeo Energie eine Schnupperwoche absolvieren. Bei Erwachsenen, die noch in einem festen Arbeitsverhältnis stehen, lässt sich das Kennenlernen auch individuell an einzelnen Tagen organisieren. So können die Lernenden ihre bisherige Erfahrung einbringen und erhalten zugleich eine systematische Fachausbildung.

Verantwortung übernehmen und wieder Fragen stellen

Für erfahrene Berufsleute kann es ungewohnt sein, erneut die Rolle eines Lernenden einzunehmen. Lucas hatte im Militär eine Führungsfunktion inne. Heute erhält er mitunter auch von jüngeren Fachkräften Anweisungen. Für ihn ist das kein Widerspruch. Entscheidend sei, wer in einer bestimmten Situation über das notwendige Fachwissen verfüge. «Die anderen haben in diesem Beruf mehr Erfahrung. Dann höre ich zu und lerne von ihnen.» Beide schätzen den Umgang auf Augenhöhe. Sie können Fragen stellen, eigene Überlegungen einbringen und unterschiedliche Lösungswege mit den Fachkräften diskutieren. Gerade als erwachsener Lernender müsse man bereit sein, noch einmal genau hinzuschauen und auch vermeintlich einfache Fragen zu stellen.


«Es ist eine Chance, sich neues Wissen anzueignen und im Leben noch einmal vorwärtszumachen.»
Lukas Gester, Lernender Netzelektriker

Rahmenbedingungen für Erwachsene

Eine Zweitausbildung ist für Erwachsene häufig auch eine finanzielle Entscheidung. Viele tragen bereits Verantwortung für eine Wohnung, ein Auto oder eine Familie. Primeo Energie bietet Zweitauszubildenden deshalb eine Entlöhnung, die deutlich über dem üblichen Lohn einer Erstausbildung liegt. Damit sind höhere Erwartungen verbunden: Erwachsene Lernende sollen zuverlässig, teamfähig und proaktiv handeln. Den Schutz und die Rechte eines Lernenden behalten sie dennoch.

Zur Ausbildung gehören ein Einführungskurs, interne Weiterbildungen, bezahlte Schulunterlagen und die Begleitung durch erfahrene Praxisbildner. Das Ziel ist, die Absolventinnen und Absolventen nach dem erfolgreichen Abschluss weiterzubeschäftigen.

Was würden Lukas Gerster und Lucas Borer anderen Erwachsenen raten, die über einen beruflichen Neustart nachdenken? Für Lucas ist die Antwort klar: «Man muss sich überhaupt nicht dafür schämen, mit Ende zwanzig nochmals eine Lehre zu machen.» Entscheidend sei, bereit zu sein, wieder zu lernen, Fragen zu stellen und sich auf die Erfahrung anderer einzulassen.

Lukas ergänzt: «Man sollte gierig nach Wissen, wetterfest und extrem teamfähig sein.» Der Beruf verlangt Freude an praktischer Arbeit, Respekt vor der Elektrizität und die Bereitschaft, bei Sonne, Regen und Kälte draussen anzupacken. Für beide bedeutet die Zweitausbildung deshalb keinen Bruch mit ihrem bisherigen Berufsweg. Ganz im Gegenteil. Sie bauen auf ihren Erfahrungen auf und erweitern sie um ein neues Fachgebiet. Oder wie Lukas es auf den Punkt bringt: «Es ist eine Chance, sich neues Wissen anzueignen und im Leben noch einmal vorwärtszumachen.»

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