Die Debatte über Kernenergie ist neu entfacht – oft kontrovers, teils emotional. Um sie sachlich einordnen zu können, lohnt sich ein Blick auf die wichtigsten Technologiefamilien. Ein Überblick.
Text: Simon Eberhard
Seit dem Ja des Stimmvolks zur Energiestrategie 2050 ist der Neubau von Kernkraftwerken in der Schweiz verboten. Dennoch geht die Debatte weiter. Gerade in jüngerer Zeit haben die Diskussionen um die Versorgungssicherheit zugenommen. Der erstmals 2026 veröffentlichte Stromversorgungs-Index Schweiz des VSE stuft die Versorgungssicherheit für das Jahr 2050 als kritisch ein. Die Axpo wiederum diskutiert in ihren Energy Reports den Neubau zweier Kernkraftwerke als mögliches Szenario.
In diesem Zusammenhang ist deshalb auch die Kernenergie wieder stärker in den Fokus der Debatte gerückt. Während Befürworterinnen und Befürworter der Technologie unter anderem auf die CO2-arme Stromproduktion verweisen, kritisieren Gegnerinnen und Gegner insbesondere Sicherheitsrisiken und die Entsorgung radioaktiver Abfälle.
Orientierung im Begriffsdschungel
Wer die Diskussion verfolgen und sich eine eigene Meinung bilden will, stösst rasch auf eine Vielzahl technischer Fachbegriffe und Abkürzungen. Dies kann verwirrend sein. Denn hinter dem Begriff der Atomenergie – oder Kernenergie – verbergen sich unterschiedliche Reaktortypen und technologische Entwicklungslinien. Eine verbreitete Einteilung unterscheidet vier Generationen von Kernkraftwerken.
Generation I: die Prototypen
Bei den Kraftwerken der Generation I handelt es sich um die frühen Prototypen, die ab den 1950er-Jahren entwickelt wurden. Sie verwendeten natürliches Uran als Brennstoff sowie unter anderem Grafit als Moderator. Die Reaktoren dieser Generation sind heute nicht mehr in Betrieb. Der letzte, in einem Kraftwerk in Grossbritannien, wurde im Jahr 2015 stillgelegt.

Das weltweit erste Kernkraftwerk Obninsk in Russland ging Mitte der 1950er-Jahre in Betrieb und wurde 2002 stillgelegt.
Generation II: die Etablierten
Zur Generation II zählen die kommerziellen Kraftwerke, die ab den 1970er-Jahren gebaut wurden. Ein Grossteil der heute bestehenden Kernkraftwerke, darunter auch alle in der Schweiz, sind Generation-II-Kraftwerke. Sie verwenden meistens angereichertes Uran als Brennstoff und werden mit Wasser gekühlt und moderiert.

Mit Jahrgang 1984 ist das KKW Leibstadt das jüngste und leistungsstärkste Kernkraftwerk der Schweiz.
Generation III: die Weiterentwicklungen
Ab den 1990er-Jahren entstanden unter anderem in Japan, China, Russland und den Vereinigten Arabischen Emiraten weiterentwickelte Reaktortypen, welche die Sicherheit und die Wirtschaftlichkeit verbessern sollten.
Diese neueren Kernkraftwerke gelten als Reaktortypen der Generation III, wobei die Abgrenzung zu jenen der Generation II nicht immer eindeutig ist. In einigen Ländern, die auf Atomenergie setzen, sind derzeit Kraftwerke dieser Generation in Bau oder kürzlich eröffnet worden.

Dampferzeuger des EPR-Reaktors im neu gebauten französischen Kernkraftwerk Flamanville 3. Der Druckwasserreaktor (European Pressurized Reactor, EPR) gilt als weiterentwickeltes Kernkraftwerkskonzept der Generation III. © Framatome, Adrien Colomb
Die Dampferzeuger des EPR-Reaktors von Flamanville 3. Der EPR gilt als weiterentwickeltes Kernkraftwerkskonzept der Generation III.
Blick auf Dampferzeuger für den EPR in Flamanville 3: Der European Pressurized Reactor gehört zur Generation III der Kernkraftwerke.
Generation IV: die Innovationen
Bei den Reaktortypen der Generation IV handelt es sich noch nicht um ausgereifte Technologien, sondern um Konzepte, die derzeit in Forschung sind. Teilweise ist in diesem Zusammenhang auch von AMR (Advanced Modular Reactors) die Rede. Einige Quellen verwenden diesen Begriff für die Generation-IV-Reaktoren, er ist jedoch nicht international einheitlich standardisiert.
Von den Reaktoren dieser neuen Generation versprechen sich die Forschenden unter anderem mehr Sicherheit, effizientere Ressourcennutzung und weniger nuklearen Abfall. Es ist aber festzuhalten, dass bei diesen Reaktoren noch keine breite kommerzielle Nutzung besteht. Dies ist frühestens ab 2030 denkbar.

Visualisierung eines geplanten Kernkraftwerks des dänischen Unternehmens Copenhagen Atomics. Das Konzept basiert auf einem Molten Salt Reactor (MSR), der zu den Reaktortechnologien der Generation IV zählt. © Copenhagen Atomics
Sechs Typen von Generation-IV-Reaktoren
Für die Generation IV hat der Forschungsverbund Generation IV International Forum (GIF) sechs unterschiedliche Technologielinien definiert:
- SFR (Sodium Cooled Fast Reactor)
- GFR (Gas Cooled Fast Reactor)
- LFR (Lead Cooled Fast Reactor)
- MSR (Molten Salt Reactor)
- SCWR (Super-Critical-Water-Cooled Reactor)
- VHTR (Very-High-Temperature Reactor)
Und was ist mit den Mini-AKWs?
In Diskussionen rund um Kernkraft ist oft von «Mini-Atomkraftwerken» oder SMR (Small Modular Reactors) die Rede. Im Unterschied zur obenstehenden Kategorisierung nach Technologiefamilien handelt es sich hier um eine Kategorisierung nach Grösse. Als SMR gelten Reaktoren mit einer elektrischen Leistung von bis zu 300 Megawatt pro Modul.
Bei einem Teil der Reaktoren der Generation IV handelt es sich um SMR, aber nicht bei allen. Umgekehrt gibt es auch SMR, die auf früheren Reaktortechnologien basieren. Ihre Vorteile sind unter anderem eine schnellere Bauzeit dank eines modularen Aufbaus.
Die Haltung von Primeo Energie
Wir sind weder am Bau noch am Betrieb von Kernkraftwerken beteiligt. Die Forschung an neuen Reaktorkonzepten wie den oben beschriebenen verfolgen wir aufmerksam. Unsere Massnahmen richten wir weiterhin konsequent an der mehrfach bestätigten Energiestrategie des Bundes aus. Gleichzeitig bekennen wir uns zu Technologieoffenheit und sind überzeugt, dass Innovationen eine zentrale Rolle für die Weiterentwicklung des Energiesystems spielen.
