Kürzere Verfahren und technische Fortschritte: Die Voraussetzungen für Windenergie in der Schweiz haben sich in den letzten Jahren stark verbessert. Olivier Waldvogel von Suisse Eole erklärt, warum der Ausbau trotzdem kein Selbstläufer ist.
Interview von Celeste Blanc
Olivier Waldvogel, ein Beschleunigungserlass aus Bundesbern soll Windparks schneller möglich machen. Seit April ist er in Kraft. Kommt nun der Durchbruch?
Der Beschleunigungserlass des National- und des Ständerats gibt der Windenergie definitiv Rückenwind. Er vereinfacht und beschleunigt die Verfahren für Projekte deutlich. Das war auch nötig, schliesslich dauerten die Bewilligungsverfahren für Windenergieprojekte teilweise bis zu 18 Jahre. Dank dem Erlass dürften die Bewilligungsverfahren auf rund 5 Jahre gekürzt werden.
Somit gibt es Grund zum Feiern?
Jein. Natürlich sind das gute Neuigkeiten, auf die wir als Vereinigung hingearbeitet haben. So wird die Windenergie für Investorinnen und Investoren attraktiver. Gleichzeitig mobilisiert sich aber auch die Gegnerschaft erneut und stellt sich breit und strategisch clever auf.
Wie zeigt sich das?
Aktuell liegen zwei Volksinitiativen der Organisation Freie Landschaft Schweiz (FLCH) vor: die Waldschutz-Initiative und die sogenannte Gemeindeschutz-Initiative. Beide sind gezielte Angriffe auf das Stromgesetz und den Beschleunigungserlass. Die Waldschutz-Initiative würde die Windenergie im Umkreis von 150 Meter zum Wald pauschal verbieten, was gemäss Botschaft des Bundesrats 85 Prozent der geplanten Anlagen betreffen würde. Faktisch kommt das einem Technologieverbot gleich. Die Gemeindeschutz-Initiative hingegen verlangt, dass Windenergieprojekte sowohl die Zustimmung der Standortgemeinde als auch der betroffenen Nachbargemeinden benötigen.

Zur Person
Olivier Waldvogel lebt in Basel, ist Projektleiter und Partner bei der ENCO Energie-Consulting AG und leitet seit 2023 die Geschäftsstelle Deutschschweiz von der Schweizerischen Vereinigung zur Förderung der Windenergie Suisse Eole.
Die Gemeindeschutz-Initiative würde den betroffenen Gemeinden damit faktisch ein Vetorecht geben. Was würde das für Windprojekte bedeuten?
Die Initiative zielt einzig darauf ab, die Windenergieentwicklung in der Schweiz zum Erliegen zu bringen. Für mich sind das keine Schutz-, sondern klare Verhinderungsinitiativen. Das gilt es aufzuzeigen und gleichzeitig die Bevölkerung weiterhin über Windenergie aufzuklären. Aus unserer Sicht muss Windenergie umwelt-, natur-, landschafts- und demokratieverträglich ausgebaut werden. Die Antwort darauf sind eine sorgfältige Interessenabwägung und gute Lösungen vor Ort, keine Verbote.
Was muss die Branche besser erklären?
Wir müssen Vorbehalten und Vorurteilen mit positiven Fakten begegnen. Nicht nur mit Faktenchecks nach dem Motto «Das stimmt nicht», sondern indem wir aufzeigen, was Windenergie alles tatsächlich kann. In der energiepolitischen Diskussion werden Technologien oft gegeneinander ausgespielt. Dabei ergänzen sie sich. Wind allein reicht nicht, Solar allein auch nicht. Wir müssen stärker auf dieses ‹Dreamteam› der erneuerbaren Technologien hinweisen.

Wichtiges Puzzelteil: Windenergie hat grosses Potenzial, die Winterstromlücke zu schliessen und ergänzt damit erneuerbaren Energieträger Solarenergie und Wasserkraft.
Welche Rolle spielt dabei der Winterstrom?
Eine ganz zentrale Rolle sogar. Windenergie ist die perfekte Ergänzung zum Solarstrom, weil sie in den Wintermonaten am meisten Strom liefert. Damit hilft Windenergie, die Winterstromlücke zu verkleinern, stärkt die Versorgungssicherheit und reduziert gleichzeitig die Importabhängigkeit. Energiepolitisch hat man diesen grossen Vorteil erkannt, weshalb Windenergie inzwischen über Parteigrenzen hinweg mehr Gewicht erhält.
Die Windenergie ist also politisch angekommen?
Für den Ausbau der Windenergie gab es in Bundesbern zuletzt klare Mehrheiten, so wurden der Windexpress, das Stromgesetz und der Beschleunigungserlass beschlossen. Auch Kantone und Behörden schaffen mit Richtplanungen und neuen gesetzlichen Instrumenten bessere Voraussetzungen. Dank der verbesserten Rahmenbedingungen erleben wir aktuell eine Investitionswelle. Zudem gibt es bereits Dutzende demokratisch legitimierte Projekte, bei denen auch die Bevölkerung Ja gesagt hat. Wir stehen an einem entscheidenden Punkt.
«Windenergie ist die perfekte Ergänzung zum Solarstrom.»
Dennoch stossen konkrete Windenergieprojekte in der Bevölkerung immer wieder auf Widerstand. Wie lässt sich das trotz zunehmenden Aufwinds erklären?
Neue Technologien haben allgemein einen schwierigen Stand, bis sie etabliert sind. Blicken wir nur auf die Diskussionen rund um die Solarenergie. Vor zehn Jahren sagten viele, sie werde sich nicht durchsetzen. Heute ist Photovoltaik omnipräsent. Bei der Windenergie sehen wir eine ähnliche Entwicklung. In den nächsten Jahren werden weitere Projekte ans Netz gehen. Technisch haben die Anlagen grosse Fortschritte gemacht. Dadurch, und mit wachsender Erfahrung, wächst auch die Akzeptanz.
